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Erich Mühsam

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Lexikon der Anarchie: Personen


Der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam als Häftling im KZ Oranienburg

Erich Mühsam, geb.: 6. April 1878, Berlin; ermordet: 10. Juli 1934, KZ Oranienburg.

Äußere Daten

Mühsam entstammt einer wohlhabenden jüdischen Apotheker-Familie mit einer ausgeprägt soldatisch-preußischen Tradition; kurz nach seiner Geburt übersiedelt sie nach Lübeck. Wegen eines kritischen Artikels im sozialdemokratischen "Lübecker Volksboten" wird Mühsam1896 vom Gymnasium relegiert; Schul-Abschluss mit der Untersekunda und dem Reifezeugnis in Parchim (Mecklenburg). Auf Veranlassung der Familie absolviert er in Lübeck eine dreijährige Lehre als Apotheker. In renommierten Zeitschriften veröffentlicht er mit gut zwanzig Jahren erste Gedichte und publizistische Beiträge.

Nach einer kurzen Tätigkeit als Apotheker geht Mühsam im Jahre 1900 nach Berlin, wo seine Existenz als freischaffender Schriftsteller und Publizist beginnt. In der "Neuen Gemeinschaft" — ihr gehören die Gebrüder Hart, Bruno Wille u. a. an — findet er Anschluss, dort lernt er auch Gustav Landauer kennen. Gemeinsam mit Albert Weidner gibt er die Zeitschrift "Der Arme Teufel" heraus. Gleichzeitig erfolgen erste Auftritte als Kabarettist sowie Kontakte zu anarchistischen Gruppen. Letzteres führt bald zu einer ständigen polizeilichen Überwachung.

Wohl auch um dieser Kontrolle zu entgehen, begibt sich Mühsam 1904 auf "Wanderschaft": Ausgedehnte Reisen führen ihn in die Schweiz (Bekanntschaft mit dem Armenarzt Fritz Brupbacher), nach Frankreich, nach Italien. Im gleichen Jahr erscheint der erste Gedichtband: "Die Wüste". 1905 besucht er die Siedlung "Monte Verita" in Ascona (Schweiz). 1906 versucht er sich — mit wenig Erfolg — erstmals als Dramatiker: "Die Hochstapler". Die 1908 erschienene Broschüre "Jagd auf Harden" dokumentiert seine engagierte Teilnahme am Zeitgeschehen.

1909 nimmt er in München Wohnsitz, wo er über zehn Jahre bleiben wird. Er entwickelt zuerst eine rege politische Aktivität, ab etwa 1911 widmet er sich dann vor allem schriftstellerischen und publizistischen Arbeiten. Das Resultat sind u. a. die Gedichtbände "Der Krater" (1909), "Wüste - Krater - Wolken" (1914) sowie das Theaterstück "Die Freivermählten" (1914), eine seiner Arbeiten zum Thema "Freie Liebe". Von besonderer zeitgeschichtlicher Bedeutung ist die Herausgabe der Monats-Zeitschrift "Kain", ein Ein-Mann-Projekt wie z.B. Karl Kraus "Die Fackel". Innerhalb der anarchistischen Bewegung ist Mühsam bereits anerkannt, doch schließt er sich keiner Gruppe an. Seine politische Tätigkeit steht weitgehend im Zeichen Landauers und dessen Sozialistischen Bundes (SB): Er gründet Münchener Gruppen. Diese Tätigkeit führt schließlich zu einem Prozess wegen Geheimbündelei, in dem Mühsam freigesprochen wird. Eine Folge davon ist allerdings ein Boykott durch die bürgerliche Presse.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellt Mühsam — mit einer missverständlichen Erklärung — das Erscheinen des "Kain" ein. Während des ganzen Krieges weigert er sich, eine "kriegsfördernde" Tätigkeit aufzunehmen; eine Militärdienstverweigerung bleibt ihm erspart, da er bei verschiedenen Musterungen als untauglich taxiert wird. Die Versuche, eine Anstellung in einer karitativen Institution zu finden, schlagen fehl, so dass er in sehr schwierigen materiellen Verhältnissen zu leben hat. Nachdem er über seine anfängliche Unsicherheit hinweggekommen ist, beginnt er Ende 1914 eine zuweilen fieberhafte, doch erfolglose Tätigkeit mit dem Ziel, eine Aktionsfront gegen den Krieg aufzubauen. Das Jahr 1915 bringt für Mühsams privates Leben wichtige Ereignisse: im Juli den Tod des Vaters, im September die Hochzeit mit Kreszentia Elfinger. Das Scheitern seiner politischen Bemühungen zwingt ihn im Mai 1916, sich vom öffentlichen Geschehen zurückzuziehen. Mühsam arbeitet an einem groß angelegten Werk über den Krieg: "Abrechnung" und schreibt Kriegs- und Revolutionsgedichte, die 1920 unter dem Titel "Brennende Erde" publiziert werden.

Die russische Revolution bringt Bewegung in die politische Linke in Deutschland. Mühsam beteiligt sich an Kurt Eisners Diskussionsrunden; während des Januarstreiks agitiert er im Sinne einer Revolutionierung der Arbeiterschaft. Er wird - inzwischen bayerischer Staatsangehöriger geworden - von den Behörden zum Vaterländischen Hilfsdienst verpflichtet, dem er sich aus gesundheitlichen Gründen entziehen kann. Um weitere Agitationen seinerseits zu verhindern, internieren ihn die Behörden von Mai bis Oktober 1918.

Die Münchener Revolutionszeit bildet für Mühsam eine Phase regster politischer und publizistischer Aktivität. Die bereits im Ersten Weltkrieg sichtbar gewordene Entwicklung, seine publizistische und literarische Tätigkeit ganz seinen politischen Zielen unterzuordnen, setzt sich mit der Neuherausgabe des "Kain" vollends durch. Anschließend an die große Friedensdemonstration auf der Theresienwiese (7. November 1918) agitiert Mühsam zum Sturm auf die Kasernen und ruft die bayerische Republik aus. Tags darauf kooptiert ihn der parallel zum Arbeiter- und Soldatenrat gegründete Revolutionäre Arbeiterrat (RAR). Am 28. November wird Mühsam auf dem Kongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte Bayerns in den Zentralrat gewählt, als dessen Delegierter er — allerdings nur kurze Zeit — Kontrollfunktionen im Kriegsministerium ausübt. Obwohl Mühsam im RAR über eine organisatorische Basis mehr oder weniger verfügt, gründet er am 30. November als eigene Organisation die "Vereinigung Revolutionärer Internationalisten Bayerns"(VRIB).

Nach der Etablierung des Parlamentarismus (Landtagswahlen vom 12. Januar) nähert sich Mühsam immer stärker der neu gebildeten Münchener Ortsgruppe der KPD an (bereits zuvor kam es zum Zusammenschluss der VRIB mit den Bremer Linksradikalen). Zusammen mit Teilen der USPD, aber ohne Beteiligung der KP, rufen Mühsam und andere Linksintellektuelle am 7. April die Räterepublik aus. Offiziell bekleidet er nur eine zweitrangige Funktion, doch sein Einfluss auf die (beschlossenen bzw. proklamierten) Maßnahmen ist erheblich. Beim konterrevolutionären Putsch der "Republikanischen Schutztruppe", welche zur Bildung der Zweiten Räterepublik führt, wird Mühsam am 13. April 1919 verhaftet. Das Münchener Standgericht verurteilt ihn zu 15 Jahren Festungshaft. Im September 1919 tritt er der KPD bei, verlässt sie jedoch nach etwa einem Monat wieder. Obwohl die Festungshaftbedingungen für Mühsam, wie für alle Linken, keineswegs komfortabel sind, entstehen hier wichtige Werke, in denen er die unmittelbare Vergangenheit aufarbeitet: "Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus", das Arbeiterdrama "Judas", der Rechenschaftsbericht "Von Eisner bis Leviné" sowie der Roman "Ein Mann des Volkes".

Um die milde Strafpraxis gegen Hitler und die übrigen Nazis zu kaschieren, werden Ende 1924 einige Linke, u. a. auch Mühsam aus der Haft entlassen. Er zieht nach Berlin und versucht, Anschluss an das politische Leben der Weimarer Republik zu gewinnen- mit wenig Erfolg: In der Anarchistischen Vereinigung (AV) hat er zwar eine lokale Basis, doch aus der Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD) wird er ausgeschlossen. Wirklich politisch aktiv ist Mühsam nur noch im Rahmen der Roten Hilfe sowie im Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS). Ab etwa 1926 konzentriert er sich auf publizistische und literarische Arbeiten.

Die von Erich Mühsam herausgegebene Zeitschrift "Fanal"

Von Oktober 1926 bis zum Verbot im Juli 1931 gibt er die Zeitschrift "Fanal" heraus — zum größten Teil in alleiniger Regie, auch wenn er sie zum Organ der AV macht. Mühsam wird Mitglied des künstlerischen Beirats der Piscator-Bühne, wo zuerst "Judas" und dann das zur Erinnerung an die amerikanischen Anarchisten Sacco und Vanzetti geschriebene Dokumentar-Stück "Staatsräson" aufgeführt werden. 1930 schreibt er ein weiteres Theaterstück: "Alle Wetter". Als Sonderheft von "Fanal" veröffentlicht er 1933 die Broschüre "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", eine Darlegung seiner Auffassung von kommunistischem Anarchismus.

Von Beginn an verfolgt Mühsam das Erstarken der nationalsozialistischen Bewegung; in "Fanal" und auf Veranstaltungen nimmt er dagegen Stellung. Dass er zu den ersten gehört, die nach der Machtergreifung verhaftet werden, kann nicht erstaunen, bildet er doch als Jude, Linksradikaler, Intellektueller und Aktivist der Deutschen Revolution den Prototyp des faschistischen Feindbildes — in der Nacht vom 27. / 28. Februar 1933 (Reichtstagsbrand) wird er von der SA verhaftet. 16 Monate lang quälen und misshandeln ihn die Nazischergen, sie schleppen ihn von Gefängnis zu Gefängnis, zu KZ (Lehrter Straße, Sonnenburg, Plötzensee, Brandenburg, Oranienburg) und ermorden ihn schließlich in der Nacht zum 10. Juli 1934. An die von den Nazis verbreitete Selbstmordversion glaubt niemand.

Politische Entwicklung

Ohne die psychologische Motivation von Mühsams Lebensweg über zu strapazieren, kann gesagt werden, dass seine rebellische Art, sein Engagement für alle Entrechteten und seine Entscheidung für den libertären Sozialismus tiefgehenden familiären Konflikten, insbesondere seinem grenzenlosen Kampf gegen die Vater-Autorität, entspringen. Damit einher geht ein nicht zu stillendes Sehnen nach harmonischer Gemeinschaft und zwischenmenschlicher Solidarität. Beide Elemente, mehr noch eine daraus resultierende Ambivalenz, bestimmen seinen Werdegang. Dabei muss betont werden, dass es darüber hinaus einer ganzen Reihe von Begegnungen mit Persönlichkeiten sowie einschneidenden zeitgeschichtlichen Ereignissen bedarf, damit Mühsam zu der in den Jahren 1901 bis 1933 wohl wichtigsten Persönlichkeit der anarchistischen Bewegung in Deutschland wird.

Zu einem bewussten Anarchisten wird Mühsam schon früh: Kaum in der Großstadt Berlin angekommen, wird er mit Menschen bekannt, welche ihn mit dem libertären Sozialismus vertraut machen: neben Landauer sind Weidner und der Stirner-Propagandist John Henry Mackay zu nennen; in Zürich lernt er auch F. Brupbacher kennen. Durch sie wird er mit dem libertären Sozialismus bekannt, "wobei mir in den Kampfmethoden stets Michael Bakunin, im Kampfziel P. Kropotkin dieser mit geringen Abweichungen) maßgebend waren" (Von Eisner bis Leviné, S. 10). Zwischen diesen beiden Polen — dem jegliche Autorität bekämpfenden Mühsam Bakunin und dem sozialinnovativen, die menschliche Solidarität hervorhebenden Peter Kropotkin — gestaltet sich Mühsam politischer Werdegang, nicht im Sinne einer geradlinigen Entwicklung, eher in einem dialektischen Prozess, der auch Übergangsstufen mit einschließt.

Erste Erfahrungen mit der Autorität bzw. eine erste Frontstellung gegen diese zeigen sich — wie erwähnt — in Mühsams familiärer und schulischer Sozialisation. Gezielter gegen den bestimmenden Machtanspruch der autoritären Institutionen des Wilhelminischen Kaiserreichs wendet er sich mit dem Entscheid, aus seiner Laufbahn als Apotheker auszusteigen, was einem Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt gleichkommt. Bei Mühsams Weggang aus Berlin mag u. a. ein Widerstreben gegen autoritäre Positionen, die auch im libertären Milieu entstehen, eine Rolle gespielt haben — nicht zuletzt im Sinne einer Abwendung von G. Landauer; in viel stärkerem Maße vollzieht er diese dann nach dem Scheitern seiner Bemühungen um die Gruppen des SB — in Bezug auf G. Landauer, später auf Lenin, zeigt sich Mühsams Ambivalenz gegenüber der Vaterfigur am deutlichsten.

Mühsams konsequenter Widerspruch zur staatlichen Autorität und zur Sozialdemokratie durchzieht sein ganzes Leben. Einem durch die Zeitereignisse bestimmten Wandel unterworfen ist seine Haltung gegenüber neuen Gruppierungen der deutschen Arbeiterbewegung: In der Frühphase der bayerischen Revolution erwägt er einen Beitritt zu K. Eisners USPD, im September 1919 wird er Mitglied der KPD. Doch in beiden Fällen folgt mehr oder weniger schnell bzw. deutlich eine Distanzierung. Die auf dem Heidelberger Kongress der KPD verabschiedeten Leitsätze (Wiederaufrichtung des Parteibonzentums, Zulassung auch nicht-revolutionärer politischer Mittel u. a.) veranlassen ihn zum Wiederaustritt. In der Folgezeit übt er an der Politik der KPD eine z. T. radikale Kritik, die mit einer Distanzierung von der Sowjetunion einhergeht.

Innerhalb der anarchistischen Bewegung nimmt Mühsam Zeit seines Lebens eine Sonderstellung ein. Immer wieder geben ihm autoritär-dogmatische Tendenzen Anlass zu Kritik. Einen Höhepunkt erreichen diese (gegenseitigen) Abgrenzungen in Mühsams Ausschluss aus der FKAD kurz nach seiner Entlassung aus der Festungshaft im Jahre 1925.

Der solidarische Aspekt von Mühsams Entwicklung beginnt ebenfalls in Berlin — mit seiner Hinwendung zu bohèmischen Schriftstellerkreisen, mit der Erfahrung, dass individualistisch orientierte Gemeinschaften innerhalb des kapitalistischen Systems von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Mehr versprechen die politisch motivierten Siedlungsvorhaben Landauers. Zuerst begründet Mühsam die Gruppe "Anarchist", dann das Experiment "Tat", mit dem er das Lumpenproletariat zu gewinnen versucht, das er - zweifellos im Sinne einer Idealisierung — als soziales Rebellentum und damit als revolutionäres Potential begreift. Nach deren Scheitern zieht sich Mühsam in seine Tätigkeit als Schriftsteller und als Herausgeber der Zeitschrift "Kain" zurück, im Jahre 1926 wird er ganz ähnlich reagieren, diesmal mit der Zeitschrift "Fanal".

Wendet sich Mühsam zu Beginn des Ersten Weltkrieges für sein Vorhaben, eine Antikriegsfront ins Leben zu rufen, an pazifistisch-bürgerliche Kreise, so setzt sich 1917 eine Tendenz durch, die für seinen weiteren Werdegang sowie für seine Theorie entscheidend wird; die Hinwendung zur Arbeiterschaft. Unter dem Eindruck der Russischen Revolution sowie der zunehmenden kriegsbedingten Not des Proletariats beginnt Mühsam, sich mit den Bolschewiki, ihren politischen Zielsetzungen sowie mit den entsprechenden Gruppen in Deutschland zu identifizieren. Gemeinsam ist ihnen die Bejahung des Klassenkampfes, der sofortigen Abschaffung der staatlichen Institutionen und des kapitalistischen Wirtschaftssystems, der Sowjetunion als Beispiel etc. Im Unterschied zu den Spartakisten verneint er zwar eine streng zentralistisch organisierte Räterepublik, doch wenn es sich um die konkrete Politik handelt, nähert er sich der Münchener KPD und ihrem Führer Max Levien an. Ideologisch fühlt er sich stärker den Bremer Linksradikalen um Johann Knief verbunden, obwohl er auch mit ihnen nicht in allem einig geht: Mühsam verneint die Partei als politische Organisationsform, will Gewalt lediglich als letztes Mittel eingesetzt wissen und geht auch hinsichtlich der inneren Struktur der zukünftigen Gesellschaft weiter, vor allem kann er sich mit einer Diktatur des Proletariats nicht einverstanden erklären.

Das Zusammengehen mit den Kommunisten dauert nur kurze Zeit — wie oft schon hat Mühsam die ideologischen und politischen Differenzen unterschätzt. Bei der Entscheidung, angesichts der nach den Landtagswahlen und der Ermordung Eisners für die revolutionären Kräfte prekären Situation die Räterepublik auszurufen, kommt es zum Bruch. Dazu trägt auch bei, dass an die Stelle Leviens der von der Berliner Zentrale entsandte Eugen Leviné getreten ist. Zu einer vergleichbaren Annäherung Mühsams an die KPD kommt es später nicht mehr; seine Mitgliedschaft in der Partei (September / Oktober 1919) ist — angesichts der kurzen Zeit und seiner Gefangenschaft — nur von geringer praktischer Bedeutung.

Besondere theoretische und organisatorische Bedeutung

Mühsams Versuche, in solidarischen Gemeinschaften mitzuwirken und damit auch einen Einfluss auf eine größere Öffentlichkeit zu nehmen, richten sich zur Zeit der Weimarer Republik — abgesehen von den Verbindungen zu den Anarchisten — weniger an direkt politische, sondern eher an humanitäre bzw. kulturelle Organisationen.

Mühsams Bedeutung liegt weniger auf dem Gebiet der Theorie; seine Stärke ist das kompromisslose Engagement in den politischen und sozialen Kämpfen seiner Zeit. Und in dieser Hinsicht hebt er sich von vielen anderen Anarchisten deutlich dadurch ab, dass er einen undogmatischen Standpunkt zum Ausgangspunkt seines Handelns macht. Das ermöglicht ihm etwas, was für jede soziale Bewegung von entscheidender Bedeutung ist, nämlich die Berücksichtigung der jeweiligen historischen Bedingungen: Auch wenn Mühsam die politischen und Machtverhältnisse seiner Zeit nicht immer realistisch einschätzt, so trägt er ihnen doch immer Rechnung. Um am öffentlichen Geschehen aktiv teilnehmen zu können, geht er mit verschiedenen Gruppierungen Koalitionen ein, er verharrt nicht aus Gründen einer abstrakten ideologischen "Reinheit" auf einem Standpunkt des Abstentionismus bzw. des Sektierertums. Sein Augenmerk richtet sich immer auch auf die Machtfrage. Dass er dabei - im Ganzen gesehen - wenig "Erfolg" hat, macht ihn nicht weniger bedeutend. Sein Konzept, die Einigung des revolutionären Proletariats, scheint — diese Folgerung muss man aus den historischen Erfahrungen ziehen — nur schlecht zu verwirklichen zu sein, und doch würde die Welt heute anders aussehen, wenn diese Einigung im Ersten Weltkrieg, in der deutschen Revolution und in der Endphase der Weimarer Republik gelungen wäre.

Eigene Theorieausbildung

In den letzten Jahren seines Lebens ist Mühsam innerhalb des politischen Kräftefeldes ziemlich isoliert. Erst diese Situation scheint ihm eine umfassende Darlegung seiner sozialphilosophischen Vorstellungen zu ermöglichen: "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat" — sein wohl "anarchistischster", aber auch abstraktester Text. Im Untertitel spricht Mühsam vom "kommunistischen Anarchismus", und im Wesentlichen stellt diese Schrift denn auch eine Zusammenfassung bereits bekannter Positionen dar. Mühsam setzt einige Schwerpunkte, die hier erwähnenswert sind. Was seine Zielvorstellungen betrifft, geht er insofern über P. Kropotkin hinaus, als er die marxistischen Vorstellungen einer grundlegenden Kritik unterzieht. Diese Kritik am sozialistischen Staat, an der Entmündigung der Individuen durch die Bürokratie etc. gelangt in den Zeiten von Perestrojka und Glasnost zu besonderer Aktualität.

Erwähnenswert ist auch Mühsams Sensibilität gegenüber der Verschränkung von Privatem und Öffentlichem. So wie er staatliche Autorität u. a. in der patriarchalen Familie begründet sieht, so erhebt er für den revolutionären Menschen entsprechende Forderungen, z.B.: "In seinem Haus übt er keine Autorität, noch duldet er sie. (...) Anarchist und Anarchistin sind nicht Beherrscher ihrer Kinder, sondern ihre Kameraden und Helfer" (Befreiung der Gesellschaft vom Staat). Entsprechendes gilt für das Verhältnis von Frau und Mann — im Vergleich zu anderen Anarchisten findet sich bei Mühsam — zumindest theoretisch — eine weitgehende Patriarchatskritik, welche die deutliche Forderung nach "Emanzipation" der Frau sowie nach Freiheit bezüglich der "Liebe" ("Der Geschlechtstrieb lässt sich nicht befehligen") beinhaltet.

Für die Neustrukturierung einer befreiten Gesellschaft begnügt sich Mühsam nicht mit einem "amorphen Nebeneinander" der verschiedenen sozialen Gruppen. Er erachtet einen — zwar nicht zentralistischen — Wirtschaftsplan als notwendig. Räte stellen die regulativen Organe dar, doch sie sind weit mehr: Jene Orte, an denen sich öffentliches Leben ereignet, "der Inbegriff des lebendigen Zusammenklangs von Persönlichkeit und Gesellschaft"(ebd.).

Diese Formulierung verweist darauf, dass es Mühsam nicht allein um eine materiell gesicherte und egalitäre Lebensexistenz geht. Er betont - und dabei hebt er sich explizit vom historischen Materialismus ab — sein "geistiges" Anliegen: Not zu leiden ist schlimm, doch das Schlimmste ist, die Not zu ertragen — dies ist "geistiges Versagen, ist Unempfindlichkeit der Seele gegen die Beleidigung". Sozialismus bedeutet "einen sittlichen Zustand und einen geistigen Wert"; Begriffe wie "freiheitlicher Stolz", "proletarische Moral", "Kultur der Persönlichkeit" sind darin zentral (ebd.).

Mühsams Stellenwert innerhalb des libertären Spektrums

Kaum ein Anarchist hat eine Wiederentdeckung erfahren wie Mühsam Seit dem Beginn der siebziger Jahre wurden zahlreiche Studien über ihn veröffentlicht, seine Werke in verschiedensten Neuauflagen bzw. Anthologien wieder zugänglich gemacht, Materialien zu Leben und Werk publiziert. Damit wird seiner Bedeutung innerhalb der anarchistischen Bewegung Rechnung getragen. Einen Grund dafür bildet auch Mühsams exemplarisches Leben; neben ihm gab es keinen Zweiten, "der sich mit einer vergleichbaren Vehemenz, rastloseren Einsatzfreude und Selbstverbissenheit, Leidenschaft und Zivilcourage und unter Aufopferung der eigenen Habe, Raubbau an der eigenen Gesundheit treibend, aber dennoch unter Wahrung des dafür notwendigen Maßes an Selbstachtung und Selbstironie, Humor und Lebenslust zum Apologeten aller Geknechteten und Verfolgten aufschwang" (Jungblut, S. 1). Einen weiteren Grund für die heutige Präsenz Mühsams bildet sein dichterisches Werk. Innerhalb der anarchistischen Bewegung gibt es niemanden, der auch nur annähernd seine Überzeugungen in so gültiger Weise literarisch gestaltet. Von Mühsam existieren Gedichte (vor allem die Sammlung "Brennende Erde", doch auch seine witzig-satirische Lyrik), Dramen und Prosaarbeiten, die wegen ihrer ästhetischen Qualitäten und ihres revolutionären Gehalts zur Weltliteratur gehören.

Literatur und Quellen: Wichtigste Werke

Einen vollständigen Überblick über die Publikationen von Mühsam gibt:

  • H. Hug / W. G. Jungblut: Erich Mühsam (1878 - 1934). Bibliographie, Vaduz: Topos 1991
  • Die Wüste. Gedichte, 1904
  • Die Freivermählten. Polemisches Schauspiel in drei Aufzügen, 1914
  • Wüste-Krater-Wolken. Die Gedichte, 1914
  • Brennende Erde. Verse eines Kämpfers, 1920
  • Judas. Arbeiter-Drama in fünf Akten, 1921
  • Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus (größtenteils abgedruckt "Die Aktion", 1921/22), Neudruck in: HIRTE 3, S. 219 - 315
  • Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti, 1928
  • Sammlung 1898 - 1928,1828
  • Ein Mann des Volkes (begonnen 1919), erste vollständige Veröffentlichung in: HIRTE 3, S. 317 - 542
  • Von Eisner bis Levine. Die Entstehung der bayerischen Räterepublik, 1929
  • Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? 1932
  • Abrechnung (begonnen 1916), erste vollständige Veröffentlichung in: HIRTE 3, S. 49 - 218
  • Alle Wetter. Volksstück mit Gesang und Tanz, erste vollständige Veröffentlichung, hg. v. G. W. Jungblut, 1977
  • In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein. Briefe 1900 - 1934, hg. v. G. W. Jungblut, 2 Bde., 1985 - 1986
  • Kain, Zeitschrift für Menschlichkeit, Jg. 1(1) April 1911 - Jg. 4(4) Mitte Juli 1914, Jg.5(1)Dezember 1918 - Jg. 5(9) 25. April 1919, Reprint 1978; Fanal, Jg. 1(1) Oktober 1926 - Jg. 5(11 - 12) August 1931, Reprint 1973

Fast alle dieser Werke sind neu herausgegeben worden. Ein Großteil ist z.B. auch in den folgenden Auswahl-Ausgaben zugänglich:

  • Ausgewählte Werke, hg. v. Ch. Hirte: Bd. 1: Gedichte, Prosa, Stücke, 1978; Bd. 2: Publizistik. Unpolitische Erinnerungen, 1978; Bd. 3: Streitschriften. Literarischer Nachlaß,(HIRTE 3), 1984
  • Ich bin verdammt zu warten in einem Bürgergarten, hg. von W. Haug, 2 Bde., 1983
  • Nie wieder 1931. Ein poetischer Kommentar auf die mißratene Zähmung des Adolf Hitler, hg. von H. Hug, München: Boer 1992 (Gedichte 1931 -1933)
  • L. Baron: The Eclectic Anarchism of Erich Mühsam, New York 1976
  • Ch. Hirte: Erich Mühsam. "Ihr seht mich nicht feige". Biographie, Berlin 1985
  • H. Hug: Erich Mühsam. Untersuchungen zu Leben und Werk, Glashütten i. T. 1974
  • G. W. Jungblut: Erich Mühsam. Notizen eines politischen Werdeganges, 1. Teil, Schlitz 1984
  • R. Kauffeldt: Erich Mühsam. Literatur und Anarchie, München 1983.



Autor: Heinz Hug


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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