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Pierre Ramus

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Lexikon der Anarchie: Personen


Pierre Ramus (d.i. Rudolf Großmann; 1882-1942)

Pierre Ramus (d.i. Rudolf Großmann), österreichischer Anarchist.

Rudolf Großmann, geb.: 15. April 1882, Wien, gest.: 27. Mai 1942 an Bord eines Schiffes, bei der Überfahrt von Marokko nach Mexiko.


Äußere Daten, politischer Werdegang

Großmann wuchs in der Umgebung einer Familie aus dem Mittelstand der k. u. k.-Monarchie im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf. Der Vater stammte aus Ungarn und war jüdischer Kaufmann, die Mutter kam aus Mähren und war Katholikin. Hinweise auf eine durch familiäres Umfeld beeinflusste Beschäftigung mit politischen Fragen existieren nicht.

Bekannt ist vielmehr, dass Großmann bereits mit fünfzehn Jahren wegen massiver politischer Propaganda (sozialdemokratischer Prägung) des Gymnasiums verwiesen wurde. Mit den Eltern zerstritten, wanderte er – vermutlich zu Verwandten – in die USA aus. Sofort begann Großmann politisch aktiv zu werden und war ab 1898 zunächst Mitarbeiter der sozialdemokratischen „NewyorkerVolkszeitung“ und ein Jahr später der „Groß-Newyorker Arbeiterzeitung“. Nach nicht näher bekannten inhaltlichen Differenzen, u.a. mit der offiziellen deutschen Sozialdemokratie, mit der er Zeit seines Lebens disputierte, wandte er sich bald dem Anarchismus zu, beeindruckt durch die persönliche Bekanntschaft mit Emma Goldman und dem Kreis um Johann Most.

Als Freund von J. Most, begann er in dessen Zeitschrift „Freiheit“ seine lebenslange intensive publizistische Tätigkeit für unzählige libertäre Medien. Mit neunzehn Jahren veröffentlichte Großmann seine ersten eigenen Monatszeitschriften „Der Zeitgeist“ und „Der Tramp“, schrieb aber auch weiterhin für andere, bedeutende politische Periodika.

Darüber hinaus engagierte er sich zunehmend und – wie in seinem späteren Werdegang evident wurde – mit großer Leidenschaft als Redner und Agitator bei öffentlichen Veranstaltungen, insbesondere bei Anarchistentreffen. 1902 wurde er, wegen angeblich führender Beteiligung am Streik der Seidenweber von Paterson, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, konnte aber rechtzeitig nach England fliehen.

Großmann ließ sich 1904 in London nieder und spielte eine nicht unbedeutende Rolle als Redner und Publizist in anarchistischen Kreisen. Er schrieb zunächst unter dem Pseudonym C.(larent) Mor(e)light, bis er sich dann den (bis zu seinem Tod verwendeten) „nom de guerre“ Pierre Ramus zulegte (nach dem französischen Humanisten Petrus Ramus, 1515-1572). Es entsprach Großmanns ursächlichster Intention, Aufklärer zu sein. So bildete er sich zeitlebens selbst fort, lernte mehrere Sprachen, studierte Schriften des Sozialismus, erwarb sich fundamentale wirtschafts-, sozial-, geistes- und rechtswissenschaftliche Kenntnisse, beschäftigte sich aber auch mit den unterschiedlichsten Reformbewegungen.

Besonderes Interesse brachte er für Leben und Werk der großen russischen Anarchistinnen auf. Es entstanden biographische Skizzen über Michail Bakunin, über die Erste Internationale und über Karl Marx. In dieser Zeit lernte er neben anderen bedeutenden Anarchistinnen auch Rudolf Rocker, Errico Malatesta, vor allem aber Peter Kropotkin kennen, den Großmann auch später immer wieder als seinen eigentlichen „Lehrer“ bezeichnete und unter dessen Einfluss auch seine Vorstellung eines kommunistischen Anarchismus ausgebildet wurde. In diesem Kreis begegnete er auch seiner späteren Lebensgefährtin und Ehefrau, der damals erst sechzehnjährigen russischen Anarchistin Sophie Ossipowna Friedmann, die ebenfalls als politischer Flüchtling nach England kam und Großmann durch ihre unnachgiebige und unkonventionelle Art der politischen Auseinandersetzung faszinierte. Diese noch wenig erforschten frühen Jahre im politischen Werdegang Großmanns waren geprägt vom Versuch einer eigenen Theorieausbildung innerhalb des (internationalen) kommunistisch-anarchistischen libertären Spektrums, führten aber 1907 – nach weiteren Differenzen mit deutschen Anarchistinnen – zu einer heimlichen Rückkehr nach Österreich.

Durch kürzere Aufenthalte in der Schweiz und in Deutschland, von wo er ausgewiesen wurde, war er als hervorragender Redner und enorm produktiver Publizist nicht unbekannt und fiel immer wieder bei Anarchistinnentreffen durch seine außergewöhnliche Ausstrahlung auf.

1907 erschien in Berlin sein in viele Sprachen übersetztes „Anarchistisches Manifest“, in welchem er die einseitige und autoritäre Ausrichtung des marxistischen Revolutionsbegriffes überwinden wollte. 1907 nahm Großmann als Delegierter Österreichs am „Internationalen Kongreß der Anarchisten“ in Amsterdam äußerst aktiv teil, war aber enttäuscht ob der Unlösbarkeit des Problems der Organisation auf internationaler Ebene in Einklang mit seinem libertären Verständnis. Großmann trat auch in Amsterdam auf dem dazu parallel stattfindenden „Antimilitaristenkongreß“ mit einem Vortrag über seine Theorie der Transformation in Erscheinung, wo er auf F. Domela Nieuwenhuis traf, mit dem er längere Zeit in persönlicher Verbindung stand.

In Wien publizierte er weiter seine bereits in London erschienene Monatsschrift „Die Freie Generation“ und gründete das programmatische Organ „Wohlstand für Alle“ (1907-1914) und das „Jahrbuch der Freien Generation“. Zusammen mit unzähligen Broschüren, sowohl über die „Vorkämpfer des Anarchismus“, als auch über aktuelle, ja tagespolitische Fragen, besonders aber in seinen berühmt gewordenen Reden, versuchte Großmann stets ein Agitator für eine geistige Neuorientierung aller Menschen, die er ansprach, zu sein.

Mehr als Ergänzung denn als Widerspruch zu seinem sonst eher „freidenkerischen“ Anarchismus fand Großmann in Wien Anschluss an die Gewerkschaftsbewegung und baute schließlich die anarcho-syndikalistische „Allgemeine Gewerkschaftsföderation für Niederösterreich“, fortgesetzt als „Freie Gewerkschaftsvereinigung“, auf.

Daneben war ihm die Bedeutung der revolutionären Kraft der Erziehung ein ständiges Anliegen, manifestiert in der Würdigung Francisco Ferrers, was ihm sogar ein Strafverfahren einbrachte, welches er aber in seiner vielbeachteten Rede zur Selbstverteidigung für öffentlichkeitswirksame anarchistische Aufklärungsarbeit nutzte. Trotz fortlaufender Repression durch Justiz und Exekutive mühte sich Großmann unermüdlich um die österreichische Arbeiterbewegung, die er nicht allein der Sozialdemokratie überlassen wollte. Seine wöchentlichen Reden fanden auch großen Anklang in weiten Teilen der Arbeiterschaft.

Darüber hinaus zeigte er aber auch ganz andere Interessen, z.B. für die Individualpsychologie Alfred Adlers (1870-1937), der ihn auch privat in seinem Haus in Klosterneuburg öfters besuchte.

Selbst die streng vegetarische Ernährung seiner Familie (aus der Verbindung mit S. O. Friedmann entstammen zwei Töchter), zusammen mit der Ablehnung von Alkohol und Nikotin waren für ihn Teil politischer Überzeugung, die er, wie viele andere Anarchistinnen, niemals losgelöst von seinem Privatleben betrachtete.

Kurz nach Ausbruch des I. Weltkrieges wurde Großmann wegen des Verdachtes auf Hochverrat bzw. Spionage als erster bekannter österreichischer Wehrdienstverweigerer und Antimilitarist verhaftet und angeklagt (1915). Zuvor hatte er immer leidenschaftlicher warnend auf das bewusste politische und ökonomische Kalkül der Kriegsbetreiber (Rüstungsindustrie) hingewiesen und die Gefahr der kollektiven Selbstzerstörung der internationalen Arbeiterklasse thematisiert.

Zunächst wird das Verfahren, in welchem er sich abermals aufsehenerregend selbst verteidigt und sogar den Richter für seine Sicht der Dinge gewinnt, eingestellt, später aber muss er doch eine mehrmonatige Untersuchungshaft absitzen bzw. wird zu strengem Hausarrest bis zum Ende des Krieges verurteilt. Trotz dieser Beschränkungen konnte Großmann wichtige politische Kontakte aufrechterhalten. Er wandte sich inhaltlich noch mehr dem Pazifismus und vor allem den Ideen Leo Tolstois zu, von dem Großmann sicher – neben P. Kropotkin – am stärksten beeinflusst war, und forderte das Prinzip der uneingeschränkten Gewaltlosigkeit in der Umsetzung seines anarchistisch-revolutionären Ideals.

Die von Pierre Ramus verfasste Schrift "Die Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus".

In dieser Zeit bereitete er seine wichtigsten Werke vor, darunter „Die Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus“, „Die Irrlehre des Marxismus im Bereiche des Sozialismus und Proletariat“ und den teilweise autobiographischen Roman „Friedenskrieger des Hinterlandes“.

Im revolutionären Aufruhr Österreichs nach Ende des Krieges wurde Großmann sofort wieder aktiv und gründete 1919 die wohl wichtigste Organisation, die er in seinem Leben initiierte, den „Bund herrschaftsloser Sozialisten - (Anarchisten)“ (B.h.S.), in welchem sich mit der Zeit über fünftausend Arbeiter und Arbeiterinnen als zahlende Mitglieder neben einigen Intellektuellen (und einer unbestimmten Anzahl an Sympathisantinnen) in bis zu siebzig Ortsgruppen, vor allem in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und in der Steiermark zusammenschlossen. Großmann, der zuvor kurz als Arbeiterrat in Wien tätig war, sah bald eine den Transfer seines Ideals behindernde Kraft in der dort autoritär organisierten Gremialarbeit. Das breite Spektrum an libertären Gruppierungen kommunistischer, individualanarchistischer sowie anarcho-syndikalistischer Provenienz in Österreich spaltete sich in zwei einander heftig bekämpfende Lager; – eine lose Vereinigung militant-kommunistischer Anarchisten („Contra-Gruppe“), die stark nach Erich Mühsam ausgerichtet war, und eben dem B.h.S. Hier setzte Großmann, wie vor dem Krieg, seinen Schwerpunkt in der mündlichen und schriftlichen Verbreitung und Vernetzung seiner Weltanschauung. So gründete er die sicher bedeutendste anarchistische Zeitschrift Österreichs mit dem abermals programmatischen Titel „Erkenntnis und Befreiung – Zeitschrift im Sinne des Friedens, der Gewaltlosigkeit und der individuellen Selbstbestimmung“, die bis zum Ausbruch des austrofaschistischen Ständestaates 1934 erschien.

Großmann stellte sich aber genauso wieder den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen. So beschäftigte ihn schon früh die Not der Arbeitslosen und er engagierte sich daher rege für verschiedene Siedlungsprojekte der Settlementbewegung, in deren Kommunemodell er mögliche Zellen einer gesellschaftlichen Neugestaltung erhoffte. Auch machte er bis dahin tabuisierte Themen, wie freie Liebe, Sexualität und Kindererziehung zum Gegenstand aufklärerischer Diskussionen.

Im Zuge der politisch relevanten Agitation und im Sinne der lebensreformerischen Aktivitäten propagierte er auch die Aufhebung der strafrechtlichen Verfolgung der Vasektomie (Sterilisation von Männern) und kam in diesem Zusammenhang 1932 wiederum in Haft, was die weitere Tätigkeit des B.h.S. und die Herausgabe der „Erkenntnis und Befreiung“ wegen der außerordentlichen Bindung an die charismatische Person Großmanns nachhaltig erschwerte.

Großmanns Propagandatätigkeit wurde schließlich mit dem Aufkommen des Faschismus in Österreich, besonders nach mehreren Anschlägen Rechtsradikaler gegen ihn, den ruhelosen Kämpfer für die Gewaltlosigkeit, nahezu unmöglich. Trotz ständiger Verfolgung wegen Anstiftung zum Aufruhr und staatsgefährdender Umtriebe und der daraus resultierenden existentiellen Bedrohung seiner Familie versuchte Großmann noch, leider vergeblich, im Rahmen des Möglichen politisch aktiv zu bleiben.

Erst mit dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland sah Großmann keinen anderen Weg mehr als den der Flucht. Über die Schweiz kam er als „feindlicher Ausländer“ in ein französisches Internierungslager, konnte sich mit Hilfe von Freunden aber befreien, bis er schließlich am Tag vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich über Spanien nach Marokko floh, wo er in verschiedenen Flüchtlingslagern landete. Seine Familie, die bereits 1938 nach Amerika emigrierte, konnte über die mexikanische Regierung Weihnachten 1941 eine Einreisebewilligung für den inzwischen kranken Großmann erwirken. Im darauffolgenden Mai starb Großmann an Bord eines Schiffes nach Mexiko unter nicht sicher geklärten Umständen – offiziell an einem Herzschlag.

Großmanns Lebensweg war genauso wie sein politisches Vermächtnis geprägt vom unermüdlichen Suchen nach Wegen einer geistig-moralischen und gesellschaftspolitischen Erneuerung zum Wohle jedes Einzelnen und der gesamten Menschheit.

Die massiven Repressionen, denen er fortwährend ausgesetzt war, trieben ihn einerseits zu persönlicher Einengung, die er aber als Möglichkeit zu konzentrierter Arbeit an seinem Werk nutzte, andererseits zur Notwendigkeit der Flucht, die ihm aber auch geistige Erweiterung bedeutete. Seine zeitweilig beachtliche Anerkennung innerhalb der anarchistischen Basis bzw. teilweise auch darüber hinausgehend, fußte wohl eher auf seinem außergewöhnlichen rhetorischen Talent und der schier unglaublichen Fülle seiner Agitation, als auf einer echten Wertschätzung seiner libertären Theorie.


Stellenwert Großmanns innerhalb des libertären Spektrums

Die ungewöhnliche Vielfalt im Werk, sowohl in der Aussage, als auch in der Form, macht eine eindeutige Zuordnung Großmanns zu einem bestimmten, abgrenzbaren theoretischen Ansatz innerhalb des (ohnehin äußerst komplexen) libertären Spektrums nahezu unmöglich. Dies ist außerdem erschwert durch das herausgehobene Bild der Person Großmanns, einerseits gestaltet als bemühte Heroisierung, andererseits als unbegründete Geringschätzung, welches sich in Sekundärliteratur, Dokumentationen und in persönlichen Berichten gleichermaßen bietet. Dieses schillernde Bild einer – ohne jeden Zweifel interessanten – Persönlichkeit ist vor allem gekennzeichnet durch die Konzentration an Schaffenskraft und die Ausstrahlung in der Präsentation des Werkes.

Dennoch war Großmann freilich ein Kenner, Liebhaber und „Multiplikator“ libertärer Theorie(n), und zwar durchaus auch in eigener Formulierung, wenngleich selten ohne Bezug zu vorhandenen Ansätzen. Ganz im Sinne seines eigenen Postulates der ständigen Aufklärung als Grundvoraussetzung für die (geistige) Revolution studierte Großmann in großem Umfang die Schriften des Sozialismus.

In Ergänzung zu den Erfahrungen und den persönlichen Begegnung, sowohl mit vielen der bedeutendsten AnarchistInnen und auch einigen wegweisenden WissenschaftlerInnen seiner Zeit, als auch – um nichts weniger – mit der noch (politisch) ungebildeten ArbeiterInnenklasse, verarbeitete er dieses sein theoretisches Wissen über libertäre Ansätze – allerdings in manchmal gewagt individueller Interpretation (besonders bei P. Kropotkin).

Als eigentlich klassischer Eklektiker versuchte Großmann, alle seine gewonnenen Erkenntnisse in ein größeres Ganzes zu integrieren, ohne den Anspruch zu erheben, dieser, seiner Theorie einen Namen zu geben, welcher sodann die Gefahr der Vereinnahmung und Erstarrung in sich geborgen hätte. Ihm ging es vielmehr um die konkreten und aktuellen Erfordernisse seiner Zeit und Umgebung. In wohl unnachahmlicher Weise gelang es ihm damit immer wieder, ob bei Gericht, in Versammlungen oder in Schriften, nicht nur seine Anhängerschaft, sondern auch die von Unterdrückung, Unrecht und Gewalt unmittelbar selbst betroffenen Menschen in seinen Bann zu ziehen.

Er holte die Menschen dort ab, wo sie sich gerade befanden und führte sie sukzessive hin zu seinen Schlüssen, zu seiner Theorie. In gewisser Weise war Großmann ein „Missionar“ für sein Ideal, somit also einer der großen „Prediger“ des Anarchismus; – und tatsächlich trug seine Herangehensweise, retrospektiv betrachtet, bisweilen auffallend „religiöse“ Züge, in der Ausrichtung hin zu umfassender, letztendlich gültiger Wahrheit und Gerechtigkeit, wenngleich natürlich in keinster Weise im Sinne irgendeiner kirchlichen Gemeinschaft, die ihm nur ein Instrumentarium zur Legitimierung und Prolongierung der herrschenden Macht war.

Großmann war zweifelsohne, wie viele andere AnarchistInnen auch, ein unerbittlicher Moralist. Ohne irgendeiner ungreifbaren Gottheit nachzueifern, setzte er am „Hier und Jetzt“ an und verband es in seiner – nachträglich manchmal naiv erscheinenden – Folgerung mit seiner Idee einer freien, herrschaftslosen Welt, deren mögliche Verwirklichung er in seiner Vorstellung eines kommunistischen Anarchismus sah.

Diese, seine Vision, allgegenwärtig und unbeirrbar vor Augen, forderte er – sinngemäß – nichts anderes als die „Umgestaltung der Gesellschaft durch die gewaltlose Revolution einer geistigen Neuorientierung aller Menschen, mit den Mitteln des Wortes, hin zu wahrer Herrschaftslosigkeit ohne jegliches Diktat“.

Indem Großmann seinen Anarchismus auf ,,... die Weltanschauung, die Verstandesrichtung, die Werturteile und die sozialen Tendenzen im Menschen ...“ ausdehnte, erhob er ihn von einer bloßen Soziallehre zu einer umfassenden Weltanschauung, deren zentrales ethisches Prinzip der „Grundsatz individueller Freiheit in sozialer Gemeinschaft“ ist. Während ihm die individuelle Freiheit durch die Eliminierung staatlicher Macht und Sanktion innerhalb der Gesellschaft gesichert schien, so sah er die soziale Gemeinschaft durch das Streben nach einem „Kommunismus zwangloser Assoziation ohne jedes Monopol“ (also auch das der Gewalt) gewährleistet.

Großmanns vom Status quo abgegrenzte Utopie war somit ein Entwurf einer „... Gesellschaft ohne Staat, wodurch auch dessen volksausbeuterische und bedrückende Institutionen: Militarismus, Bürokratismus, Polizei, Justiz und Strafgewalt, ... in Wegfall kommen“. An deren Stelle sollte „... eine freie Gemeinschaft (treten), innerhalb welcher eine föderativ geregelte Bedarfswirtschaft jedem Individuum die wirtschaftliche Sicherung seiner Existenz gewährleistet. In dieser freien Gemeinschaft gibt es nur die durch Freiwilligkeit und gemeinsamen Vertrag geregelte Arbeit des Einzelnen, wie der sich bildenden Fach-, Berufs- und Betriebsorganisationen. Jenes autoritär-monopolistische und privilegierte Tauschmittel, also das Geld, ist als unproduktiv und schädlich abgeschafft; der Austausch der Produkte vollzieht sich auf der Grundlage des gegenseitigen Bedürfnisses aller, der Errichtung einer Bedarfswirtschaft“.

Großmann sah den ersten Schritt zur organisatorischen Umsetzung dieser Utopie zunächst im Wirken für und durch einzelne Menschen im Rahmen des B.h.S. Dieser war zwar in mehr oder weniger autarken Zellen organisiert, wo die aktuelle politische Agitation diskutiert, geplant und gestaltet wurde, galt aber auch als Forum, wo die – gerade von Großmann immer wieder aufgeworfene – Frage nach Theorie und Strategie zur konstruktiven Verwirklichung des Sozialismus dezidiert anarchistischer Ausrichtung erörtert wurde. Seine kritische Analyse der „sozialistischen Arbeiterbewegung“ (vor allem in Deutschland) seit K. Marx kann durchaus als ein zwar verspäteter, aber wesentlicher Beitrag zur Diskussion um theoretische Grundsatzfragen des Sozialismus bewertet werden.

Ähnlich wie bei Rosa Luxemburgs „Reform oder Revolution“ thematisierte er dabei das umstrittene Erfordernis der Revision der Marxschen Theorie, um eine konstruktive sozialistische Praxis – aufgrund der Beschaffenheit und Struktur der bestehenden Gesellschaft und der in ihr wirkenden Gesetzmäßigkeiten und Prognosen – erst zu ermöglichen. Großmann verstand sich allerdings als entschiedener Antimarxist, dem es nicht nur um die Revision in Teilbereichen ging, sondern um die Widerlegung der Marxschen Gesellschaftslehre und Strategie als sozialistische Theorie. Er bezweifelte, ob es überhaupt „etwas Bleibendes im Marxismus“ gäbe. Dessen deterministisches Prinzip ortete er in verschiedenen seiner Denkansätze, die er ob der faktischen Macht von Staat und Kapital als reduktionistisch und inkonsequent erkannte. Großmanns Antwort auf jede Form von Marxismus, besonders der Sozialdemokratie, aber auch in Bezug auf den militanten Anarchismus bestand in seiner Forderung nach gesellschaftlicher und geistiger „Erkenntnis und Befreiung“.

Mit dem Weg der Transformation, im besonderen des Subjekts und nicht nur der reinen Strukturen, bzw. im Sinne eines tolstoianischen, also gewaltverneinenden kommunistischen Anarchismus, wollte er erreichen, dass der Mensch auch als Individuum dazu befähigt würde, die Verantwortung für den Verlauf geschichtlicher Evolution zu übernehmen. Viele solcher heute bekannten Fehlentwicklungen und Katastrophen im Namen des Sozialismus hatte Großmann darin – wohl rein theoretisch – bereits antizipiert.

Die internationale Rezeption seines Stellenwertes als anarchistischer Theoretiker im Spannungsfeld vieler Strömungen, vor allem zwischen P. Kropotkin und L. Tolstoi, die er beide, so der Vorwurf, im Sinne des jeweils anderen uminterpretiert hätte, litt vor allem unter den scheinbar widersprüchlichen Aktivitäten und Äußerungen, die Großmann wohl bewusst eklektisch für seine Vorstellung einer herrschaftslosen Gesellschaft setzte. Der eigentliche, tiefere Sinn seines anarchistisch-libertären Werkes wird wohl noch in der notwendigen Wechselwirkung und Ergänzung zu suchen sein. Großmann selbst versuchte stets in großer Aufrichtigkeit, sein Ideal auch „privat“ glaubwürdig zu leben.

„Der Anarchismus hat mir so viel Geistesglück und überhaupt innere Befriedigung gewährt, daß ich mich für die Dauer meines Lebens verpflichtet fühle; er hat mir unendlich viel mehr geboten, als ich ihm je zu bieten imstande sein werde! Ich lehne deshalb jeden Dank und jede besondere Ehrerbietung mir gegenüber ab.“ (P. Ramus in: „Erkenntnis und Befreiung“, VII. Jg., Nr. 23).


Adi Rasworschegg


Literatur und Quellen: Werke

  • R. Großmann - (P. Ramus): Karl Kautsky und die soziale Revolution. New York 1902
  • P. Ramus: Nach vierzig Jahren (1864-1904). Ein historisches Gedenkblatt zur vierzigjährigen Gründung der internationalen Arbeiter-Association, London 1905
  • P. Ramus: Kritische Beiträge zur Charakteristik von Karl Marx, Berlin 1905
  • P. Ramus: Michael Bakunin, Beilage zu „Der Weckruf“, Berlin 1905
  • P. Ramus: Statuten und Prinzipienerklärung des kommunistischen Arbeiter-Bildungsvereines, London 1905
  • P. Ramus: Ein Staatsstreich des Kapitalismus, in: „Der Freie Arbeiter“, Berlin 1905
  • P. Ramus: Our May-Day Manifeste, London 1906
  • P. Ramus: Friedrich Engels als Plagiator, in: „Die Urheberschaft des Kommunistischen Manifests“, Berlin 1906
  • P. Ramus: Das anarchistische Manifest, Berlin 1907 / Wien 1922
  • P. Ramus: Die Internationale der revolutionären Gewerkschaftsbewegung, in: „Die Erkenntnis“, Leipzig 1907
  • P. Ramus: William Godwin, der Theoretiker des kommunistischen Anarchismus, Leipzig 1907
  • P. Ramus: Mutterschutz und Liebesfreiheit, Berlin 1907
  • P. Ramus: Ein edles Brüderpaar, zwei schöne Seelen, Wien 1907
  • P. Ramus: Die historische Entwicklung der Friedensidee und des Antimilitarismus, Leipzig 1908
  • P. Ramus: Der Antimilitarismus als Taktik des Anarchismus (Referat, gehalten auf dem Internationalen Antimilitaristen-Kongreß zu Amsterdam, August 1907), Brüssel 1908
  • P. Ramus: Zur Kritik und Würdigung des Syndikalismus, o.O., o.J. [1908]
  • P. Ramus: Unsere Heimat (Antimilitaristische Szenen und Dialoge), Paris 1909
  • P. Ramus: Sozialphilosophische Tendenzen und Ziele des modernen Anarchismus, in: „Jahrbuch der Freien Generation für 1910“, Paris 1909/1910
  • P. Ramus: Ein unbekanntes Erinnerungsblatt an Michael Bakunin, in: „Jahrbuch der Freien Generation für 1910“, Paris 1909/1910
  • P. Ramus: Edward Carpenter, ein Sänger der Freiheit und des Volkes (Eine Studie seines Lebens und seiner Werke), Brüssel 1910, Wien 1911
  • P. Ramus: Francisco Ferrer (1859-1909). Sein Leben und Werk. Wien 1921
  • P. Ramus: Generalstreik und direkte Aktion im proletarischen Klassenkampf, Berlin 1910
  • P. Ramus: Die Lüge des Parlamentarismus und seine Zwecklosigkeit für das Proletariat, Brüssel 1911
  • P. Ramus: Ausnahmen im Antimilitarismus?, in: „Wohlstand für Alle“, Wien 1913
  • Ramus: Der Justizmord von Chicago (In Memoriam 11. November 1887), Zürich 1912
  • P. Ramus: Einleitung zu August Krcals: „Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung“, Wien 1913
  • P. Ramus: Anarchistischer Revisionismus, Imperialismus und Sozialdemokratie, in: „Der Freie Arbeiter“, Berlin 1913
  • P. Ramus: Gegen Militarismus und Monopoleigentum. (Verteidigungsrede gehalten am 14. Mai 1914), Wien 1914
  • P. Ramus: Rudolf Goldscheid, ein Finanzgenie des Staatssozialismus, in: Zeitschrift „Ver“, Wien 1917
  • P. Ramus: Die Grundelemente der philosophischen Weltanschauung Max Stirners, Wien 1918
  • P. Ramus: Popper-Lynkeus, ein konstruktiver Theoretiker des Staatssozialismus, in: „Der Freie Arbeiter“, Berlin 1919
  • P. Ramus: Die Irrlehre und Wissenschaftslosigkeit des Marxismus im Bereich des Sozialismus, Wien-Klosterneuburg 1919
  • P. Ramus: Bauer, Pfarrer und Christus, Wien 1921
  • P. Ramus: Die Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus, Wien-Klosterneuburg 1921
  • P. Ramus: Militarismus, Kommunismus und Antimilitarismus (Thesen zu einem Referat für den Internationalen Antimilitaristen-Kongreß in Haag im März 1921), Uerdingen am Rhein 1921
  • P. Ramus: Was ist und will der Bund herrschaftsloser Sozialisten? (Die auf der Bundestagung am 25. und 26. März 1922 angenommenen Leitsätze und Richtlinien unserer Anschauung und Betätigung), Wien-Klosterneuburg 1922
  • P. Ramus: Sokrates und Kriton, oder über die Rechte und Pflichten des Menschen gegen die Staatsgesetze (Erste Vernunftdarstellung der Ideen und Individualität des Sokrates), Wien-Klosterneuburg 1922
  • P. Ramus: Friedenskrieger des Hinterlandes (Der Schicksalsroman eines Anarchisten im Weltkriege), Mannheim 1924
  • P. Ramus: Peter Kropotkin (Worte eines Rebellen), Wien-Klosterneuburg/Mannheim 1924
  • P. Ramus: Gegen Justizbarbarei und Staat, Wien-Klosterneuburg 1926
  • P. Ramus: Die Irrlehre des Marxismus im Bereich des Sozialismus und Proletariats (2. Ausg.), Wien/Leipzig 1927
  • P. Ramus: Die Menschheitskrise und ihre Überwindung durch den Anarchismus (Auszügliche Wiedergabe eines Vertrags gehalten am 15. Mai 1926 in Graz), Graz 1929
  • P. Ramus: Der kommunistische Anarchismus als Gegenwartsziel der sozialen Befreiung, Berlin o.J.
  • P. Ramus: Why does anarchism progress so slowly?, San Francisco 1935
  • P. Ramus: Lecommunism-anarchiste comme réalisation pour les temps actuals, Paris 1934
  • P. Ramus: La préparation à la guerre sans la résistance du peuple. Pourquoi?, Paris 1935

u. v. m.


Zeitschriften

  • Die Freie Generation (Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus), London/Berlin 1.-2. Jg. (1906-1908)
  • Jahrbuch der Freien Generation (Volkskalender und Dokumente zur Weltanschauung des Sozialismus-Anarchismus), Paris/Zürich l.-5. Bd. (1910-1914)
  • Wohlstand für Alle (Mit monatlichen literarischem Beiblatt), Wien-Klosterneuburg l.-7. Jg. (1907-1914)
  • Erkenntnis und Befreiung (Organ des herrschaftslosen Anarchismus), Wien 1.-15. Jg. (1918-1936)
  • Der Anarchist (Organ des herrschaftslosen Sozialismus), Wien/Graz l.-2. Jg. (1927/1928)

u. a. m.


Quellen

G. Botz/G. Brandstetter/M. Pollak: Im Schatten der Arbeiterbewegung. Zur Geschichte des Anarchismus in Österreich und Deutschland, mit einem Vorw. v. K. Stadler, Wien 1977 (Schriftenreihe des Ludwig Bolzmann Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 6)

  • G. Botz/H. Hautmann u.a. (Hg.): Bewegung und Klasse. Studien zur österreichischen Arbeiterbewegung, Wien 1978
  • G. Brandstetter: Anarchismus und Arbeiterbewegung in Österreich 1889-1914, Phil. Diss. Salzburg 1977 (MS)
  • G. Brandstetter: Rudolf Großmann („Pierre Ramus“). Ein österreichischer Anarchist (1882-1942), in: G. Botz/H. Hautmann u.a. (Hg.): Bewegung und Klasse, Wien 1978, S. 89-118
  • B. Frei: Die anarchistische Utopie. Freiheit und Ordnung, Frankfurt 1971
  • P. Kropotkin: Ethik, Ursprung und Entwicklung der Sitten, Berlin 1976
  • R. Leakey/R. Lewin: Wie der Mensch zum Menschen wurde. Neue Erkenntnisse über den Ursprung und die Zukunft des Menschen, Hamburg 1978
  • R. Müller: Der aufrechte Gang am Rande der Geschichte. Anarchisten in der Steiermark zwischen 1918 und 1934, in: R. Hinteregger/K. Müller/E. Staudinger (Hg.): Auf dem Weg in die Freiheit. Beiträge zu einer steirischen Zeitgeschichte, Graz 1984, S. 163-l 96
  • P. Ramus: Was ist und will der Bund herrschaftsloser Sozialisten?, Wien-Klosterneuburg 1921/1922
  • P. Ramus: Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus, Wien-Klosterneuburg 1921
  • I. Schepperle: Pierre Ramus. Marxismuskritik und Sozialismuskonzeption, München 1988
  • G. Senft: Der Anarchismus, sein Feuerschuh und die Metaphysik der Windsandale. Pierre Ramus’ Thesen zur Kritik am Marxismus, in: Espero. Forum für libertäre Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, 2. Jg., Nr. 2/3, April 1995, S. 12-23
  • G. Senft (Hg.): Pierre Ramus. Erkenntnis und Befreiung. Konturen einer libertären Sozialverfassung, Wien 2000
  • G. Senft: „Zum Frieden führt kein Sieg.“ Pierre Ramus und der Anarcho-Pazifismus, in: Pierre Ramus-Gesellschaft (Hg.): Pierre Ramus’ „Neuschöpfung der Gesellschaft“ und andere Texte zur Rekonstruktion der sozialen Balance, Wien 2005, S. 69-86


Weblinks


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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