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Werner Portmann und Siegbert Wolf: Ja, ich kämpfte

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Die DadA-Buchempfehlung

Buchcover: Mackay Freiheitsucher.gif
Autor/en: Werner Portmann und Siegbert Wolf
Titel: "Ja, ich kämpfte"
Untertitel: Von Revolutionsträumen, 'Luftmenschen' und Kindern des Schtetls. Biographien radikaler Jüdinnen
Verlag: UNRAST-Verlag
Erscheinungsort: Münster
Erscheinungsjahr: 2006
Editoriales: Mit einem Vorwort von Emanuel Hurwitz.
Umfang, Aufmachung: 316 Seiten, zahlr. Abb.;
ISBN: 3-89771-452-3
Preis: 19,00 EUR
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In der jüdischen ArbeiterInnenbewegung engagierten sich viele junge AnarchistInnen. Sozialisiert in einem religiösen Elternhaus, gehörten sie schon bald zu den EnthusiastInnen einer revolutionären Utopie, die sich die Aufhebung von Herrschaft und gesellschaftlichen Zwängen auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Zugleich repräsentierten sie einen sozialrevolutionären Radikalismus, der mit seiner Verheißung einer Befreiung aller Juden und Jüdinnen wie auch der gesamten Menschheit durchaus Parallelen im jüdischen Glauben aufwies.

Inhalt

Vorwort und Einleitung / Isak Aufseher (1905-1977) - Der Luftmensch / Gegen die Starken und für die Schwachen - Jack Bilbo (1907-1967), Rebell und Kunst-Gangster / »Solange Menschengeist nach Freiheit ringt« - Robert Bodanzky (1879-1923), Librettist der Freiheit / Carl Einstein (1885-1940), dunkler Aufklärer zwischen Gott und Nichts. Eine Spurensuche / Cilla Itschner-Stamm (1887-1957): »lch flehe um Freiheit« / »Die Tore der Freiheit öffnen« -Milly Witkop-Rocker (1877-1955), Anarchistin und Feministin.


Beschreibung

Portmann und Wolf analysieren und dokumentieren in ihrem Buch die enge Wechselbeziehung zwischen Judentum und Anarchismus im deutschsprachigen Raum. Anhand ausgewählter Porträts jüdischer Libertärer gehen sie der Frage nach, welchen Anteil jüdische AnarchistInnen an der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung hatten. Denn die große Zahl jüdischer AnarchistInnen in der europäischen und amerikanischen ArbeiterInnenbewegung im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert ist zweifellos von historischem Interesse für beide Seiten – für Juden/Jüdinnen und AnarchistInnen. Bis heute liegt keine Gesamtstudie dieses Verhältnisses zweier augenscheinlich unterschiedlicher Traditionen vor.

Auf den ersten Blick scheint Judentum und Anarchismus, jüdischer Messianismus und libertäres Denken wenig miteinander zu verbinden: einerseits eine Bevölkerungsgruppe mit ihrer messianischen, traditionellen und rituellen Religiosität, andererseits eine subversive Idee und sozialrevolutionäre Lebenshaltung, im allgemeinen atheistisch und materialistisch. Dass bei vielem Trennenden auch unübersehbare Gemeinsamkeiten bestehen, zeigt eindrucksvoll die enge Verbindung zwischen jüdischem Messianismus und revolutionärer Restrukturierung der Gesellschaft.

Die produktivste Begegnung zwischen Judentum und Anarchismus fand in Osteuropa statt, dem Zentrum jiddischer Kultur: dort, wo Juden und Jüdinnen gezwungen waren, unter der zaristischen Herrschaft zu leben. Weiter entwickelt hat sich die Verbindung zwischen jüdischer Tradition und libertärer Utopie vor allem infolge millionenfacher Emigration osteuropäischer Juden und Jüdinnen nach England, Lateinamerika, in die USA und nach Palästina. Zu erwähnen sind hier für die erste Generation Emma Goldman, Milly Witkop und die Brüder Max und Siegfried Nacht. (siehe Biographie über die beiden von Werner Portmann, die zusätzlich zur vorliegenden Publikation im Frühjahr 2007 im gleichen Verlag erscheinen wird.)

In der jüdischen ArbeiterInnenbewegung engagierten sich viele junge AnarchistInnen. Sozialisiert in einem religiösen Elternhaus, gehörten sie schon bald zu den EnthusiastInnen einer revolutionären Utopie, die sich die Aufhebung von Herrschaft und gesellschaftlichen Zwängen auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Zugleich repräsentierten sie einen sozialrevolutionären Radikalismus, der mit seiner Verheißung einer Befreiung aller Juden und Jüdinnen wie auch der gesamten Menschheit durchaus Parallelen im jüdischen Glauben aufwies, z.B. hinsichtlich der Erwartung des Messias.

Was es Libertären vor allem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ermöglichte, den jüdischen Messianismus in ihr anarchistisches Weltbild zu integrieren, betraf also dessen revolutionäres Potential. So interpretierte Gustav Landauer Geschichte nicht als kontinuierlichen Fortschritt der Menschheit, sondern als Pendelbewegung zwischen ›Topie‹ und ›Utopie‹: "Wir haben es hier mit einer qualitativen Differenzierung von Zeit zu tun, in der sinnerfüllte oder sinnentleerte Epochen scharf voneinander abgegrenzt sind. Jede Möglichkeit von Fortschritt oder Evolution wird bestritten, und die Revolution erfolgt als Eingriff in die Welt."

Die Autoren zeigen mit ihrer Studie eindruckvoll auf, dass sowohl die ArbeiterInnenbewegung als auch die libertäre Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts dem im Judentum verankerten Gerechtigkeits- und Freiheitsimpulsen viel zu verdanken haben. (js)

Über die Autoren

Portmann, Werner Werner Portmann, geb. 1958, Publizist, lebt in Zürich. Mitarbeit an verschiedenen Büchern zum Thema Anarchismus. Etliche Publikationen zur ArbeiterInnenbewegung und Filmgeschichte, u.a. Texte zu Carl Einstein, Oskar Maria Graf, Luigi Luccheni und Heiner Koechlin.


Wolf, Siegbert Siegbert Wolf, geb. 1954, Dr. phil., Historiker und Publizist, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Zahlreiche Bücher u.a. über Gustav Landauer, Martin Buber, Hannah Arendt, Jean Améry sowie zur Frankfurter Stadtgeschichte: Hrsg.: Jüdisches Städtebild Frankfurt am Main (1996), Hrsg.: Die Juden an der Universität Frankfurt (1997), zuletzt: Gustav Landauer, Die Revolution (1907). Hrsg., mit einem Vorwort, kommentiert und einem Register von Siegbert Wolf (2003).