Horst Stowasser - Gedenkseite

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Horst Stowasser ist tot - Die Erinnerung an ihn lebt!

Am 30. August 2009 ist der anarchistische Schriftsteller Horst Stowasser (geb. 7. Januar 1951 in Wilhelmshaven) im Alter von 58 Jahren in einem Krankenhaus in Ludwigshafen an einer Blutvergiftung gestorben. Wer seine Erinnerungen an Horst mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Horst-Stowasser-Gedenkseite.

Horst Stowasser (1951-2009)

Inhaltsverzeichnis


Die ersten Reaktionen: Wir sind erschüttert

Wir hier in Neustadt sind alle tief erschüttert, können es nicht fassen, dass Horst nicht mehr bei uns ist. Wir hatten noch so viele Pläne zusammen.

Möge die Erde dir leicht sein!

Vollkommen fassungslos, Petra und Klaus


Am Sonntag, den 30.8.2009 um 8 Uhr morgens ist der Genosse Horst Stowasser für uns alle überraschend gestorben.

Wir sind tief erschüttert.

Knobi
Berlin, den 30.8.09


Kann mich Knobi nur anschließen.

Jochen,
Potsdam, 31. August 2009


Ich kann es noch garnicht glauben: Es ist schon so, dass ein Stück politischer Geschichte des Landes mit Horst verbunden war und ist. Leider aber keine Lebendige mehr. Es gibt Verluste, die nicht ersetzbar sind.

Rolf
Berlin, den 01.09.09



Die Beerdigung und die Trauerreden

Horst Stowasser wurde am 7. September 2009 in Neustadt an der Weinstraße beerdigt. Knapp 300 Menschen nahmen an der bewegenden Trauerfeier teil. Trauerreden wurden gehalten von Bernd Drücke (Graswurzelrevolution-Koordinationsredakteur), Bernd Elsner (Projekt A) , Lutz Schulenburg (Edition Nautilus), Andreas Hohmann (FAU/Verlag Edition AV) und Dieter Martischius vom Eilhardshof. Mit Ausnahme der Rede von Dieter Martischius wurden ihre Reden in der Graswurzelrevolution (Nr. 342, Oktober 2009) veröffentlicht. Wir bemühen uns, alle Trauerreden auch hier auf der Horst-Stowasser-Gedenkseite zu veröffentlichen. Im folgenden finden sich die Trauerreden von Bernd Drücke, Andreas W. Hohmann, Dieter Martischius und Lutz Schulenburg, die uns freundlicherweise ihre Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben haben:



Die Beerdigung von Horst Stowasser am 7. September 2009. Von Stephan Krall

Die Beerdigung fand am 7.9.2009 um 10 Uhr in Neustadt an der Weinstraße auf dem zentralen Friedhof statt.

Beerdigung von Horst Stowasser am 7.9.2009 um 10 Uhr in Neustadt an der Weinstraße.

Natürlich fahre ich zu Horsts Beerdigung, das ist keine Frage…wir haben doch immer Kontakt gehalten, das war meine erste Reaktion. All die Jahrzehnte. Nur ist das mit dem Kontakt jetzt etwas anders: aus Schluss vorbei, ziemlich einseitig wird der Kontakt heute. Aber wer weiß, wir glauben zwar nicht ans Jenseits, aber für alle Fälle nehme ich ihm mal eine Havanna mit. Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er bereits das Projekt-H gestartet hat, die Umorganisation der Hölle. Und da kann eine Zigarre nicht schaden.

Solche Gedanken gingen mir bei der Fahrt nach Neustadt durch den Kopf. Was würde mich da erwarten? Ich habe vor vielen Jahren mal eine Broschüre erstanden über die Beerdigung von Kropotkin, mit vielen Bildern. Wird es so sein? Wird so der „Bakunin-Deutschlands“ beerdigt, mit einem Meer aus Fahnen? Ja, wie Bakunin kam er mir immer vor. Theorie stand nicht im Mittelpunkt, immer in Aktion, und vor allem den leiblichen Genüssen sehr zugeneigt. Deswegen hat es mit ihm ja auch immer Spaß gemacht, und das hätte es auch, wenn er kein Anarchist gewesen wäre. Aber so war es noch besser.

Angekommen in Neustadt sah ich schon viele Autos auf den Friedhofsparkplatz einbiegen. Also sehr intim wird es nicht. Es waren dann so um die 200-250 Frauen und Männer, die sich in und vor der Trauerhallte zusammen gefunden haben. Schwarz als dominante Farbe, wie es sich für Trauernde und Anarchisten gehört. Hier kam Neigung mit Anlass zusammen. Fahnen waren auch dabei, schwarz-rote. Aber nicht viele, also keine Kropotkin-Beerdigung.

Neben der Familie, seinem Bruder Klaus, seiner Lebenspartnerin Ute mit den beiden Kindern, und Louisa, seiner erste Frau, mit Sohn Till, war es vor allem die ältere Generation, die sich um den Sarg scharte. Obwohl der Leichnam verbrannt wird, wie es der Wunsch von Horst ist, war sein Sarg aufgebahrt, geschmückt mit roten Rosen. Daneben Kränze mit Schleifen von der FAU und anderen anarchistischen Gruppierungen. An der Wand eine Fahne aus Horsts Bestand mit der Jakobinermütze und der Aufschrift „Ni dieu ni maître – vive l’Anarchie“, nicht Gott noch Herr, es lebe die Anarchie.

Zum Auftakt gab es revolutionäre Klänge von der CD, später dann auch ein Stück auf der Gitarre, die Horst selber auch gerne und gut gespielt hat. Vier Redner, alles Männer, obwohl doch Horst den Frauen sehr zugeneigt war, sprachen über sein Leben, sein Wirken, ihn als Mensch und auch über philosophische Gedanken. Lutz Schulenburg vom Nautilus Verlag aus Hamburg brachte es auf seine norddeutsche Weise auf den Punkt: Anarchismus, das war für die Leute, die ihn kannten, Horst, und nicht irgendwelche Theorie. Wenn er und sein Bruder Klaus in den frühen Jahren in Wilhelmshaven auf die Straße zum Agitieren gingen, dann hatten sie damit vor allem deshalb Erfolg, weil sie authentisch waren.

Am Ende der einstündigen Trauerveranstaltung wurde der Sarg ins Freie gefahren, wo herrlich die Sonne schien, in diesem Sommer ja auch nicht ganz alltäglich, und die Gemeinde der Trauernden versammelte sich noch einmal um den Sarg. Ein Geiger spielte und sang „A las Barricadas“ und einige, des Spanisch mächtigen, intonierten mit.

Die Urnenbeisetzung findet im engsten Familienkreise statt.

Nachdem wir im Anschluss bei einer kleinen Nachlese über die ewig zerstrittenen Anarchisten sprachen, fiel mir auf, wie friedlich diese sind, wenn einer der Ihren zu Grabe getragen wird. So würde man sie sich immer wünschen. Tolerant und zu Gemeinschaft fähig. So hat es Horst immer gewollt…und nun im Tode gefunden. Vielleicht hat er ja doch noch ein wenig davon mitbekommen. Zu wünschen wäre es ihm, der zwar kein Kropotkin-Begräbnis erhielt, aber ein sehr würdiges. Dennoch hätte ich ihn viel lieber noch jahrelang bei uns behalten und den einen oder anderen Wein mit ihm getrunken.

Stephan Krall, Kronberg



Trauerrede für unseren langjährigen Freund und Genossen Horst Stowasser. Von Bernd Elsner

Vorwort zur Trauerrede

Der Abdruck meiner Trauerrede ist nur mit diesem Vor- und Nachwort möglich.

Als mich Bernd Drücke fragte, ob er meine Trauerrede für Horst haben und abdrucken könne, habe ich zuerst einmal abgelehnt. Das hat seine Gründe, die ich in diesem Vorwort gerne erklären möchte.

Zuerst mal ist es nicht üblich, dass eine Trauerrede weitergegeben und veröffentlicht wird. Denn sie ist geistiges Eigentum des Verfassers und wenn dieser, wie ich, auch noch freiberuflich Geld damit verdient, stelle ich mein geistiges Eigentum einer Allgemeinheit zur Verfügung, von der ich nicht weiß, ob und wie sie das Niedergeschriebene gebraucht. Dann gilt in jedem Fall nur das gesprochene Wort, egal was hier steht, denn eine Rede, auch eine Trauerrede, lebt erst durch die Mimik, durch die Gestik, also durch den Vortragenden.

Die Veröffentlichung einer Trauerrede ist natürlich, insbesondere in diesem Fall, auch ein Nachruf. Den wollte ich eigentlich nicht schreiben. Die Erklärung dafür findet ihr in einem Beitrag, ich meine von Lutz Schulenburg zur Ermordung von John Lennon im Dezember 1980.

Nun, da ich aber dennoch, nach Rücksprache mit meinen Töchtern zugesagt habe, ist dies gleichzeitig ein Nachruf der Mitglieder der ehemaligen Anarchistischen Badischen Föderation (abf), der Gruppe freie Sozialisten, des Bundes Karlsruher Anarchisten (BKA), der ehemaligen Organisation freiheitlicher Arbeiter (ofa), der Mitglieder der ehemaligen Redaktion der „Freien Presse“ und Mitglieder der ehemaligen Redaktion der anarchistischen Zeitung „Der schwarze Gockler der im Dunklen kräht“ - mit lAubfrosch-vertrieb für freiheitliche Literatur, sowie dem Anarchistischen Bund Pfälzer Wald um das Erich-Mühsam-Zentrum Elmstein.



Die Kränze der Freunde, Genossen und Weggefährten.

Eingangsmusik:


Liebe Angehörige, werte Genossinnen und Genossen, Freunde und Bekannte des Verstorbenen, verehrte Trauergäste,

wir sind heute am Montag, den 7. September im Jahre 2009 hier auf dem Friedhof in Neustadt zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von Horst Stowasser.

Bitte erhebt Euch zu Ehren des Verstorbenen von Euren Plätzen und senkt für einen Moment die Fahnen.

Jeden Abend werfe ich
Eine Zukunft hinter mich
Die sich niemals mehr erhebt
Denn sie hat im Geiste nur gelebt.
Neue Bilder werden wachsen
Welten drehn um neue Achsen
werden, sterben, lieben, schaffen
die Vergangenheiten klaffen.
Tobend, wirbelnd stürzt die Zeit
In die Gruft das Leben schreit.

Nun ja, ob die Zeit wirbelnd, ja sogar tobend in die Gruft stürzt, wie dies der Genosse Erich Mühsam einmal formulierte, ich glaub das eigentlich nicht.

Denn Zeit ist etwas, das die meisten, so sagen sie zumindest, gar nicht haben.

Aber wenn Menschen sagen, ich habe keine Zeit, dann macht das keinen Sinn, denn natürlich haben wir Zeit.

Denn die Zeit ist, wie die vier anderen Ur-Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft immer um uns herum, die Zeit ist immer da.

Wir bekommen Zeit allerdings nicht geschenkt, nein, wir müssen sie uns nehmen.

Wir müssen uns die Zeit nehmen, um die für uns wichtigen Dinge im Leben zu tun.

Es ist deshalb gut so und es ist richtig, dass wir uns heute die Zeit nehmen, um gemeinsam an diesem Ort Abschied zu nehmen von Horst Stowasser, der allen Anwesenden auf seine ganz eigene Weise nahe stand.

Ich danke auch Euch Genossinnen und Genossen, die Ihr Euch heute die Zeit genommen habt, dem Verstorbenen hier die letzte Ehre zu erweisen.

Denn wie Willy Huppertz, der langjährige Herausgeber der anarchistischen Zeitung Befreiung einmal zu mir sagte: „Wir müssen wie die Hunde leben und danach werden wir verscharrt.“

Und er, genauso wie Otto Reimers oder Augustin Souchy aus der alten, traditionellen anarchistischen Bewegung, wurde in kleinem Kreis beigesetzt, und nur wenige von uns hatten die Möglichkeit, öffentlich Abschied von unseren Genossinnen oder Genossen zu nehmen. Dies ist heute anders. Und das ist auch ein Verdienst von Horst Stowasser.

Hier ist nun der scheinbar zeitlose Ort, an welchem wir gemeinsam und doch jede und jeder für sich über Trauer, über Leben, über Tod und über die Zeit, über unsere gemeinsame Zeit, nachdenken können und auch nachdenken sollen. Hier wird allen bewusst, dass am Ende unserer Zeit, unserer Lebenszeit, also am Ende unseres Daseins, der Tod steht und mit dem Tod die Trauer der Lebenden.


Was sagt nun ein Anarchist am Grabe eines Anarchisten zu der Trauergemeinde?

Denn es wäre doch etwas frivol in unserem Kulturkreis an einem Sarg mit den sterblichen Überresten dem langjährigen Freund ein Lebewohl zu zu rufen.

Und schon bemerke ich, dass diese Trauerrede doch persönlicher wird.

Wir haben in unserer abendländischen Kultur bekannterweise eine christliche Dominanz und die Christen glauben an eine Auferstehung, die Katholiken insbesondere sogar an eine fleischliche Wiedergeburt, daher wäre vielleicht auch Aufwiedersehen angebracht.

Aber selbst eingefleischte Christen wären ob dieses Grußes sicherlich sehr verwundert, ja würden mich sogar der Blasphemie bezichtigen, insbesondere wenn sie meine, ja wie soll ich denn die Schublade nennen, in die wir so gerne andere Menschen stecken, Freie Religion, Humanismus, universelle Religion oder kosmisches Bewusstsein, also, wenn sie meine religiöse Einstellung kennen.

Dann doch vielleicht Abschied vom Verstorbenen? Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass meine Abschiedsworte von dem Verstorbenen nicht mehr gehört werden können. Also dann doch Worte an Euch, die Hinterbliebenen, die Lebenden. Der Tod selbst ist für uns ein Nichts, sagte Epikur, der griechische Denker aus vorchristlicher Zeit, denn was der Auflösung verfiel, besitzt keine Empfindungen mehr.

Was aber keine Empfindungen mehr besitzt, kümmert uns nicht. Und weiter: Doch oftmals werden wir die Furcht, die uns beim Fragen nach den letzten Dingen beschleicht, unmöglich los, wenn wir über die Beschaffung des Universums nicht richtig unterrichtet sind, und daher argwöhnen müssen, es könne an dem, was die Göttermythen darüber berichten, doch etwas Wahres sein. Ohne Erkenntnis der Natur können wir also keine Freude vollkommen genießen und unsere Trauer ist von Furcht überlagert.

Nur einmal werden wir geboren, ein zweites Mal ist nicht möglich, und wir werden dann in Ewigkeit nicht mehr sein. Trotzdem schiebst Du, oh Mensch, den rechten Augenblick immer wieder hinaus und bist doch nicht einmal Herr über den morgigen Tag. Überm Zaudern schwindet aber das Leben dahin und manche sterben, ohne sich im Leben jemals recht Zeit genommen zu haben. So Epikur vor über 2300 Jahren.

Es wird immer Menschen geben, die sagen, der Tod kam viel zu früh. Andere werden sagen viel zu früh nur dann, wenn wir die Zeit, die uns zur Verfügung stand, nicht genutzt haben.

Denn ein Tag kann so lang wie tausend Jahre sein, wenn wir unsere Zeit nutzen, aber tausend Jahre können sein wie ein Tag, und er vergeht, ohne dass wir ihn bemerken, ohne dass wir ihn leben oder erleben.

Ich denke, es ist gut so, dass niemand weiß, wann sein Tag kommt. Und ich denke, es ist besser, dass wir, wie der griechische Denker Epikur sagte, nicht einmal über den morgigen Tag bestimmen können.


Was würden wir anders machen, wenn wir wüssten, dass morgen unser Tag kommt?

Oder würden wir, wenn es in unserer Macht läge, überhaupt etwas anders machen?

Der einzige Trost, der uns bleibt, ist die einzig richtige Aufforderung an uns, jeden Tag so zu leben und zu erleben, als wäre es der letzte Tag im eigenen Leben oder im Leben der anderen.

Dann haben wir uns im Leben recht Zeit genommen, um die wichtigen Dinge zu erledigen. Wenn ein Mitmensch stirbt, also nicht mehr da ist, so liegt es bei der Nachwelt, bei uns, den Hinterbliebenen, ob mit dem Tod und der empfundenen Trauer auch das langsame Vergessen kommt.

Doch solange sich nur ein Mensch erinnert, sind die Toten nicht vergessen. Denn nur durch unsere Erinnerung leben sie weiter, was anderes wissen wir Menschen nicht.


Wir wollen uns nun erinnern:

Horst Stowasser wurde am 7. Januar 1951 als zweiter Sohn der Eheleute Sigbert und Gertrud Stowasser geboren. Nicht, wie immer wieder gehört, in Wilhelmshaven, sondern auf einer kleinen, künstlich angelegten, ehemaligen Fliegerabwehrstation, der sogenannten Genius-Bank, welche Horsts Kölner Großvater gepachtet hatte, um dort 6 Jahre nach Kriegsende einen Segel- und Jachthafen anzulegen.

Es muss dort gewesen sein, wo der Niedersachsendamm die Jade vom Jadebusen trennt, also in der rauen Nordsee vor Wilhelmshaven.

Im Alter von 1 1/2 Jahren erkrankte Horst an der sogenannten Kinderlähmung, welche ihn für sein ganzes weiteres Leben prägen und begleiten sollte. Und bis zu Beginn der Volksschule 1957 musste er als kleiner Junge ständig Leder-Schienen tragen, welche sein Bein stützten, Gehgipse ertragen und Operationen über sich ergehen lassen. Ab 1961 ging Horst auf die Realschule, genauer gesagt auf die Agnes-Miegel-Schule in der Wartehstrasse in Voslapp. An der dortigen Schülerzeitung bekam Horst zum erstenmal die Gelegenheit, Artikel zu schreiben, was ihn auch für sein ganzes weiteres Leben prägen und begleiten sollte.

Als sein Vater bei der Firma Hoch und Tiefbau die Möglichkeit bekam, an einer großen Baustelle mitzuarbeiten, zogen die Eltern mit dem jüngsten Sohn nach Argentinien. Dort lernte Horst Spanisch und machte in dieser Sprache sein Abitur. Durch seine weltoffene Art, über seine kosmopolitische Einstellung bekam Horst schnell Kontakte mit argentinischen Anarchisten, die ihn mit der umfangreichen spanischsprachigen anarchistischen Literatur vertraut machten. Und er gründete mit anderen eine kleine Zeitung namens Impulso.

Ausgaben dieser Zeitung wurden unter der damaligen rechtskonservativen Militärdiktatur des Generals Ongania beschlagnahmt und Horst machte zum erstenmal Bekanntschaft mit einer Gefängniszelle.

1968 siedelte Horst zurück nach Wilhelmshaven, musste jedoch, um studieren zu können, das deutsche Abitur machen, da sein argentinisches in der damaligen BRD nicht anerkannt wurde.

Als politischer Mensch bekam er Kontakt mit Reinold Purmann, welcher ihm den Weg in die deutschsprachige anarchistische Literatur und Bewegung wies. Neben seinem Landwirtschaftsstudium begann Horst im anarchistischen Syndikat Wilhelmshaven, welches ich als libertär und che guevaristisch einstufe, sich auch zusammen mit Hans-Werner Kruse öffentlich zu äußern. Ab 1970 begann er, bedrucktes Papier für ein geplantes Anarcho-Archiv zu sammeln. Diese Grundlagen nahm er mit, als er nach Wetzlar zog, um einen Buchladen mitaufzubauen, und wo Du, Klaus, eine langjährige Druckerei gegründet hast. Es entstand unser legendäres Anarcho-Info und unser gemeinsamer Versuch, eine Zeitschrift zu machen, welche auch für unsere Tante, wie Horst immer wieder betonte, interessante Inhalte anbieten wollte, die „Freie Presse“. Im Anarchia-Verlag Wetzlar wurden Bücher, Broschüren und Zeitschriften herausgegeben. Diese alle hier aufzuzählen wäre mühselig.

Aber es war die Zeit, als wir begannen, Gespräche darüber zu führen, welchen Sinn selbstverwaltete Projekte für die anarchistische Bewegung haben können.

Weitere Stationen für Horst waren dann die Kommune in Oberbiehl, die landwirtschaftliche WG in Duttenhofen, bis er 1975, genauer am 16. Juni 75, mit Dir, Luisa, die Ehe schloss. Es war die Zeit des Umzugs in die Turmstraße in Wetzlar und der Versuch, mit viel Enthusiasmus, wenig Finanzen und in räumlicher Enge, noch dazu mit einer anarchistischen Schäferhund-Colli-Mischung namens Hasso, den Alltag zu organisieren. Uns ging es nicht darum, Träume zu befriedigen, sondern unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Denn wir wussten, ein anderes Leben ist möglich.


Stationen waren dabei unter vielen anderen

1974 unsere Demonstration in Frankfurt, die Horst mit der ihm eigenen Euphorie mit spanischen Exilantinnen und Exilanten gegen das Francoregime in Spanien, welches Puig Antich durch Erdrosseln zu Tode brachte, organisiert hatte. Wo ich auch mit Staunen feststellte, dass Horst bekanntes Mitglied der CNT und der Internationalen Arbeiter Assoziation ist. Er scheute sich auch nicht davor, trotz seiner körperlichen Behinderung im Demonstrationszug kilometerweit mit zu laufen. Denn er war damals schon stolz darauf, mehrmals 2. deutscher Meister im Behindertenschwimmen gewesen zu sein. 1976 der internationale Bakuninkongress in Zürich, wo ich zum erstenmal den hervorragenden Simultan-Übersetzer Stowasser erlebte, denn er beherrschte schon zu dieser Zeit übergangslos 6 Sprachen fließend. Er war damals auch für die Stadt Wetzlar als Simultanübersetzer tätig, aber seine bekannte Weltoffenheit, sein engagiertes Eintreten gegen offensichtliche Ungerechtigkeiten, kurz seine politische, das heißt, seine öffentliche Einstellung, kostete ihn diesen gut bezahlten Job. Im März 1978, also zwei Monate nach Deiner Geburt, Till, holte mich Horst in Karlsruhe ab und wir fuhren gemeinsam zum Kongress der Internationalen der anarchistischen Föderationen nach Carrara. Und ich spüre noch heute seine mitreißende Begeisterung in diesem altehrwürdigen Zentrum anarchistischer Geschichte.

Es war auch die Zeit, als aus dem ehemaligen Anarcho-Archiv das Anarchistische Dokumentationszentrum, das adz, entstand, welches zumindest später auf dem Papier das Anarchiv im Max Nettlau-Institut wurde. Max Nettlau war für Horst, was die wissenschaftliche Arbeit betraf, schon immer ein großes Vorbild gewesen.

Doch für Horst war die wissenschaftliche Arbeit nicht die Erfüllung seines Lebens.

Und Horst begann, in der ihm eigenen Systematik, die zunächst mal gedankliche Vorstellung, das Netzwerk zwischen Arbeit, Politik und Privatleben als großangelegtes Projekt auszuarbeiten, um die darin enthaltenen Widersprüche zumindest tendenziell aufzuheben.

Nun wird Lutz Schulenburg vom Nautilus-Verlag (früher MAD Verlag) Hamburg einige Worte zu Euch sprechen. Andreas spricht für die FAU und Anares-Medien.

Ede spielt nun „Mr. Tambourin-Man“, das er oft mit Horst gesungen hatte, welcher ja auch ein exzellenter Gitarrenspieler und Sänger, also Musikus war.

Bernd Drücke von der anarchistisch-pazifistischen Zeitung Graswurzelrevolution wird nun zu dieser Trauergemeinde sprechen.

Für uns Menschen dieser Erde, ist das uns umgebende Universum wie ein unendlicher Ozean.

Und so wie die unterschiedlichsten Steine am weiten Strand liegen, so sind auch wir Menschen allein in dieser Unendlichkeit. Und jede Einzelne und jeder Einzelne von uns kann plötzlich und ohne vorherige Warnung durch die nächste Welle, und sei sie noch so klein, hinab gezogen werden in dieses unendliche Meer des ewigen Vergessens.

Obgleich wir wie die unterschiedlichsten Steine am weiten Strand eines unendlichen Ozeans sind, ist doch jede und jeder von uns wesentlich mehr als nur ein wahlloser, austauschbarer Stein in der Unendlichkeit. Unser Leben, unsere Taten, bleiben als Erinnerung wie Leuchttürme im dunklen Universum des zeitlosen Vergessens. Sie können uns Trauernden Mut und Trost geben.

Mut, um schwierige Situationen des Lebens durchzustehen, wo wir glauben verzweifeln zu müssen. Aber auch Mut, um in einer solchen Trauerstunde zusammenzukommen. Trost, weil wir oftmals in unserem Leben, und sicherlich nicht nur in Zeiten der Trauer, Trost benötigen.

Wir brauchen jemand, der uns tröstet, wenn wir etwas verlieren, und wir brauchen jemand, der uns tröstet, wenn wir Schmerzen erleiden. Wir brauchen jemand, und nicht nur als Kinder, der einfach nur da ist, uns mal in den Arm nimmt, uns die lebensnotwendige Wärme und den sozialen Trost gibt, damit wir spüren, wir sind in diesem Universum nicht allein. Im Mai 1980 trafen Horst und ich uns wieder auf der internationalen anarchistischen Studientagung in Venedig, und zu dieser Zeit war es wohl, als Du, Ute, über das JUZ Wetzlar in der Redaktion des Lahn-Dill-Boten Horst kennengelernt hast. Und mit ihm eine neue, eine andere Sicht der Welt. Neue Lebens-Perspektiven hatten sich dir eröffnet. Horst lebte direkt, unmittelbar und ehrlich sein Leben und war allen Genüssen zugetan.

Und dieser liebenswerte, harmoniesüchtige Dickkopf war mitten drin in einer Findungsphase, was das Zusammenleben nicht gerade einfach machte. Das Resultat dieser Phase kennen wir alle:

1985 erschien im AnArchia-Verlag ein Buch, welches Horst seinem Großvater widmete, in welchem Horst seine Projektideen ziemlich ausführlich und verständlich einem zuerst kleinen Kreis vermittelte.

Er hatte sich zu einem belesenen Redner herangebildet, welcher seine immer zahlreicheren Zuhörerinnen und Zuhörer auf unglaublich vielen Veranstaltungen mit fundiertem Wissen und Charisma zu überzeugen vermochte. Er ging konsequent seinen einmal eingeschlagenen Weg und machte dies auch immer wieder öffentlich allen Interessierten zugänglich.

So hätten die Anwesenden, so Horst im Aha Nr. 4, dem internen Bulletin des Projektes A, nach dem ersten Bundestreffen im März 86 in Wetzlar festgestellt, dass Kinder absolut selten sind in unseren Kreisen. Du, Ute, und Horst wolltet nun dazu beitragen, dass dies nicht so bleibt und habt den Geburtstermin eures ersten Kindes ziemlich genau festgelegt. Einen Monat vor dem 3. Bundestreffen in Prinzhöfte wurdest Du, Moritz, als gemeinsamer Sohn am 25. November 1986 geboren.

Trotz vieler Widrigkeiten, wie sie unter Menschen immer wieder vorkommen, Anarchistinnen und Anarchisten sind ja davon, wie wir alle wissen, nicht ausgenommen, entwickelte sich das Projekt A zusehends, sowohl mengenmäßig als auch in der inhaltlichen Klärung.

Horst Stowasser 1994 mit 2 Genossinnen und 2 Genossen aus Barcelona bei einer seiner überraschenden Stippvisiten in Elmstein. In den "unmöglichen Wohnverhältnissen". v.l.n.r. 2.v.l. unsere Tochter Marjana, daneben Gisela Scheriau, dann ein Genosse aus Barcelona und daneben Horst.