Wolfgang Zucht - Gedenkseite

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Wolfgang Zucht ist tot

Am 17. September 2015 ist Wolfgang Zucht (geb. 30. Januar 1929) gestorben. Gemeinsam mit seiner Frau Helga Weber hat er über Jahrzehnte hinweg in Kassel die Verlagsbuchhandlung "Weber & Zucht" betrieben, die sich auf Literatur zum gewaltfreien Anarchismus spezialisiert hatte.

1958 war Wolfgang Zucht der Internationale der Kriegsdienstgegner beigetreten und er war auch Mitglied im Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK). 1965 beteiligte er sich in Hannover an der Herausgabe der Zeitschrift "Direkte Aktion – Blätter für Gewaltfreiheit und Anarchismus", die als Vorläuferorgan der ab 1972 erscheinenden Monatszeitung "Graswurzelrevolution" betrachtet werden kann.

Traueranzeige der GWR und des Freundeskreises von Wolfgang Zucht.

Wer seine Erinnerungen an Wolfgang Zucht mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Wolfgang Zucht - Gedenkseite. Bis Anfang der 1970er Jahre lebte Wolfgang mit seiner Frau Helga Weber in London, wo sie sich in der Internationale der Kriegsdienstgegner, den War Resisters’ International (WRI), engagierten. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland beteiligten sie sich 1974 an der Gründung der Graswurzelwerkstatt, in der neue Methoden des gewaltfreien Widerstands entwickelt und trainiert wurden. Parallel dazu unterstützten sie die Herausgabe der von Wolfgang Hertle 1972 gegründeten Zeitschrift "Graswurzelrevolution" (GWR), die zu den langlebigsten libertären Zeitschriften der Bundesrepublik Deutschland gehört.

Ab Mitte der 1970er Jahre engagierte sich Wolfgang Zucht mit gewaltfreien Aktionen in der Anti-Atomkraft-Bewegung und unterstützte auch die Kampagne Stromgeldverweigerung gegen Atomenergie. 1980/81 koordinierte er erst die deutsche und dann auch die internationale Kampagne für einen Internationalen Gewaltfreien Marsch für Entmilitarisierung. Von 1992 bis 1995 beteiligte sich Wolfgang Zucht und seine Frau Helga Weber an der Herausgabe des Graswurzelrevolution-Kalenders.

Mit Wolfgang Zucht verliert die libertäre Bewegung in Deutschland einen der Pioniere des modernen gewaltfreien Anarchismus, der dank seines Engagements weit über die anarchistische Bewegung hinaus die gewaltfreien Ideen und Aktionsformen populär gemacht hat.

Die Urnenbeisetzung findet am Freitag, 2. Oktober 2015, um 14 Uhr in der Friedhofskapelle Kassel-Bettenhausen statt.


Falls jemand Probleme mit dem Schreiben auf der Diskussions-Seite haben sollte, der kann uns seinen Text und gerne auch Fotos zur Veröffentlichung auf der Gedenkseite per E-Mail schicken an: redaktion@dadaweb.de.

Jochen Schmück
Redaktion DadAWeb.de



Erinnerungen und Nachrufe


"Ein Außenseiter, wie alle Anarchisten". Von Bernd Drücke

Etwa 130 Menschen aus England, Spanien und Deutschland kamen am 2. Oktober 2015 zur bewegenden Trauerfeier für den Graswurzelrevolutionär Wolfgang Zucht nach Kassel. Wir dokumentieren die in der Friedhofskapelle gehaltene Hauptrede und zwei nach der Beisetzung im Café gehaltene Trauerreden. Auf der Wolfgang-Zucht-Gedenkseite (1) werden in den nächsten Wochen voraussichtlich weitere Trauerreden u.a. von Christine Schweitzer (für die WRI), Gernot Lennert (für die DFG-VK) und Wolfram Beyer (für die IdK), sowie Nachrufe, Fotos und Dokumente veröffentlicht. (GWR-Red.)

Helga Weber und Wolfgang Zucht bei der Lektüre der "Graswurzelrevolution", Oktober 2014. Quelle: Archiv der Zeitschrift "Graswurzelrevolution".

Erinnerungen an Wolfgang Zucht (30.1.1929 - 17.9.2015). Trauerrede von Bernd Drücke, Redakteur der Zeitschrift Graswurzelrevolution, gehalten am 2. Oktober 2015 auf der Trauerfeier in der Friedhofskapelle Kassel-Bettenhausen Liebe Helga, liebe Familie Zucht, liebe Familie Weber, liebe Angehörige, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, verehrte Trauergäste,

wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Wolfgang Zucht.

Wolfgang war ein lieber Freund und Genosse, ein liebenswerter und wundervoller Mensch.

Wolfgang lebt weiter, in unseren Herzen, in unseren Erinnerungen, in unserer Liebe für ihn.

Am 30. Januar wurde er 86 Jahre alt. Am 17. September ist er gestorben.

Es war ein Gelebtes Leben im besten Sinne. Wer sich die Fotos von Wolfgang anschaut, der wird hinter seinem Rauschebart und diesem herzlichen Lachen einen glücklichen, lebensfrohen Menschen erkennen. Wolfgang hat viel mehr erreicht, als sich die meisten Menschen erhoffen können.

Kindheit

Zusammen mit seiner älteren Schwester Marlis und der jüngeren (schon verstorbenen) Schwester Inge hat er einen großen Teil seiner Kindheit im Nationalsozialismus verbracht.

Seine Eltern waren zunächst Bauern. Ihre Familien hatten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in Westpreußen gelebt, das mit dem Versailler Vertrag von 1919 polnisch wurde.

Seine Großeltern siedelten sich Mitte der zwanziger Jahre in der Uckermark an. Dort heirateten seine Eltern.

Wolfgang wurde in Berlin geboren und hat seine Kindheit in Funkenhagen und Boizenburg verbracht. Manchmal sagte er: "Im Grunde bin ich ein Bauer." Die Liebe zum Garten, zum Arbeiten mit der Hand, zum einfachen und gesunden Leben ist ihm immer geblieben.

Als Wolfgang drei Jahre alt war, verlor sein Vater ein Bein bei einem Unfall in der Landwirtschaft. Er war fortan Hausmann, die Mutter wurde daraufhin Hebamme. Die väterliche Erziehung war autoritär und oft auch mit vielen Schlägen verbunden.

Wolfgangs Vater stand der Nazi-Ideologie nahe, was auch eine Indoktrinierung des Jungen zur Folge hatte.

Wolfgang ging kurz ins Internat in Templin und dann als Fahrschüler in die gleiche Schule.

Diese Zeit hat ihn geprägt: die Schule am See mit schuleigenen Booten, das Baden dort. Die Sehnsucht nach der Uckermark hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. 1943 zog die Familie nach Brandenburg, von wo aus Wolfgang nach Genthin zur Schule fuhr.

Bei Kriegsende war Wolfgang 16, verbrachte viele Nächte im Keller, wenn die Erde bebte vom Einschlag der Bomben.

Als sich die sowjetischen Soldaten näherten, machte er sich mit dem Fahrrad alleine auf den Weg in den Westen. Mehr zufällig traf er seine Eltern und die jüngere Schwester unterwegs in Genthin wieder und zusammen flohen sie bis zur Elbe, zu den Amerikanern.

Es folgte eine Zeit in Salzgitter als Geflüchtete, bis die Mutter mit der jüngeren Schwester nach Brandenburg zurückzog.

Wolfgang zog mit seinem Vater, der laut Wolfgang die Niederlage der Nazis wohl nie verwunden hat, bald nach Braunschweig.

In einem Interview, das ich 2003 mit Wolfgang und Helga für die Graswurzelrevolution geführt habe, beschreibt Wolfgang seine bewusste und systematische Auseinandersetzung mit der Nazizeit, die etwa drei Jahre nach Kriegsende einsetzte:

"In den letzten Monaten unserer Schulzeit in Braunschweig hatten wir einen Lehrer, der uns dazu brachte, unsere Beschäftigung mit der Philosophie im sokratischen Gespräch zu führen. Diese Methode bietet die Möglichkeit zur gewalt- und herrschaftsfreien Diskussion philosophisch-politischer Fragen. Sie erfordert viel Bereitschaft zu aktiver Mitarbeit, zum sich Öffnen für die Argumente der anderen und In Frage Stellen der eigenen Denkgewohnheiten. Das alles war für uns, die wir die Nazizeit in lebhafter Erinnerung hatten, eine enorme Herausforderung. Vor allem durch diesen Lehrer sind wir alle unsere ‚Nazi-Hangups' gründlich losgeworden. Von ihm hörten wir zum ersten Mal von einem Sozialismus freiwilliger Zusammenschlüsse, von gegenseitiger Hilfe, von der Notwendigkeit von Gewerkschaften ohne Hierarchie und Bürokratie, damit die Kontrolle über die Entscheidungen durch die Arbeitenden gewährleistet ist."(2)

Dieser Lehrer gehörte dem ‚Internationalen Sozialistischen Kampfbund' an. Dass Helgas Eltern in der Vorläufer-Organisation dieses Bundes organisiert waren, war eine der vielen ideellen Verbindungen zwischen Helga und Wolfgang.

Die Idee der Frauenbefreiung, der völligen Gleichberechtigung der Geschlechter gehörte mit zu den Grundgedanken dieser Organisation.

Familie

Das in Braunschweig begonnene Biologie-Studium brach Wolfgang ab, um seinen erkrankten und vorübergehend in der DDR lebenden Vater mit Medikamenten unterstützen zu können. Dafür arbeitete er im Straßenbau, als Kesselschweißer, im Großhallen- und auch im Hausbau.

Der Vater ging schließlich wieder zurück nach Braunschweig, so dass außer ihm und Wolfgang alle anderen Angehörigen in der DDR lebten. So trennte der Grenzzaun auch Wolfgangs Familie. Welche Belastung das für alle war, mag das Beispiel einer von der War Resisters' International in London organisierten Demonstration in Ungarn zeigen, an der Wolfgang am 21. September 1968 -- mit weiteren 4 Personen teilnahm, um gegen die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Warschauer Pakt Staaten zu protestieren. Als Folge durfte seine Schwester Inge, die als Übersetzerin für eine Außenhandelsfirma der DDR arbeitete, für geraume Zeit nicht mehr in Ägypten und anderen Ländern eingesetzt werden, weil ihr Bruder gegen den Warschauer Pakt agiert hatte.

Andere Familienangehörige wurden aufgefordert, sich nicht mehr von Wolfgang besuchen zu lassen. Bewundernswerter Weise haben alle gesagt: Meine Familie, meine Beziehungen sind mir wichtiger als meine Karriere.

Wolfgang war seiner Familie immer in Liebe verbunden. Wie gut er das schwierige Verhältnis zu seinem Vater aufarbeiten konnte, zeigt sich unter anderem daran, dass der Vater die letzten Monate seines Lebens bei Helga und Wolfgang verbrachte und Wolfgang mit ihm ausgesöhnt war.

Politische Entwicklung

Wolfgang entwickelte sich zum Antimilitaristen und gewaltfreien Anarchisten. 1960 zog er nach Hannover, lebte zuerst in Untermiete, dann in einer Laube in seinem Kleingarten.

Durch den Ostermarsch gegen Atomwaffen kam er in Kontakt mit einem Freundeskreis, der sich um die Kriegsdienstverweigerung herum gebildet hatte.

In dieser Zeit wurde er Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und des Verbands der Kriegsdienstverweigerer (VK).

Beeinflusst unter anderem von Tolstoi, Gandhi, Landauer und Kropotkin gründete seine Gruppe die "Direkte Aktion".

Diese "Zeitschrift für Gewaltfreiheit und Anarchismus" kann als Vorgänger der Graswurzelrevolution gesehen werden.

Wolfgang orientierte sich zunehmend international, bewarb sich bei der War Resisters' International (WRI) in London und nahm an Kongressen im In- und Ausland teil. Auf einem solchen Kongress 1964 in Offenbach lernte er Helga kennen, die im gemeinsamen Büro der Naturfreundejugend, des Verbandes der Kriegsverweigerer und des Ostermarsches arbeitete.

1965 wurde Wolfgang in London bei der WRI angenommen. Helga entschied sich 1967, ebenfalls nach London zu gehen, arbeitete zunächst als Au pair Mädchen und begann nach einem Jahr, auch bei der WRI zu arbeiten. In dieser Zeit entstanden enge persönliche Beziehungen, zum Beispiel zum Generalsekretär der WRI, Devi Prasad, mit dem erst Helga und dann auch Wolfgang die Leidenschaft des Töpferns teilte.

Ganz besonders war aber auch die Beziehung zu Tony Smythe und seiner Familie, in deren Haus Wolfgang und Helga mehrere Jahre wohnten.

Diese Freundschaften haben ein Leben lang gehalten. Zwei Töchter aus dem Hause Smythe, Quita und Hansi, sind extra aus England zu dieser Beerdigung angereist.

Wolfgang nahm dann die Arbeit auf beim ‚National Council of Civil Liberties', dessen Themen unter anderem Rassismus und die Demonstrationsfreiheit waren.

Buchpräsentation im Haus der Demokratie und Menschenrechte Berlin. Kriegsdienste verweigern - Pazifismus aktuell, Libertäre und humanistische Positionen. Hrsg.: Wolfram Beyer für die IDK e.V.Oppo Verlag 2007 (2011). Auf dem Podium von links nach recht: Bruno Osuch (Humanistischer Verband Deutschland), Harry Hoffmann (IDK), Wolfram Beyer (IDK), Helga Weber (DFG-VK) und Wolfgang Zucht (IDK).