Barbara Uebel - Gedenkseite

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In Memoriam Barbara Uebel (13. März 1934 bis 9. August 2015)

Wer seine Erinnerungen an Barbara Uebel mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Barbara Uebel - Gedenkseite. Falls jemand Probleme mit dem Schreiben auf der Diskussions-Seite haben sollte, der kann uns seinen Text und gerne auch Fotos zur Veröffentlichung auf der Gedenkseite per E-Mail schicken an: redaktion@dadaweb.de.

Jochen Schmück
Redaktion DadAWeb.de

Erinnerungen von einem "Wanderfreund"

Barbara Uebel im Juli 2009. Quelle: Archiv der Zeitschrift "Graswurzelrevolution".

Am 9. August 2015 ist Barbara Uebel gestorben. Die Doktorin der Biologie war durch den Berliner A-Laden mit libertären Ideen in Kontakt gekommen und zur Anarchistin geworden. Seit 1992 wurde sie vielen als Aktivistin für die Freie Heide bekannt. Sie lebte in einem Bauwagen auf dem Naturcampingplatz in Schweinrich. Drei Weggefährt_innen berichten für die Graswurzelrevolution von ihren Begegnungen mit Barbara.

Ich kann nicht genau sagen, wann ich Barbara das erste Mal traf. Es war vermutlich 1990 im A-Laden, dem Anarchistischen Laden in Berlin Moabit. Irgendwann war Barbara einfach da: Eine Wissenschaftlerin der Mikrobiologie, deren Betrieb, in dem sie die Jahre vor der Wende gearbeitet hatte, sich - wendebedingt - in Auflösung befand.

Mit dieser zwangsweisen beruflichen Entwurzelung und einer unwahrscheinlichen Perspektive auf eine Neuanstellung in einem Westbetrieb, da hier zu anderen Schwerpunkten geforscht wurde als in der DDR, "strandete" Barbara im A-Laden.

Sie war eine wissbegierige Person, die sich rasch mit den zu Ostzeiten von der SED unter Verschluss gehaltenen libertär-sozialistischen Ideen auseinandersetzte. Die Option auf einen "Dritten Weg", den viele DDR-Oppositionelle für das Territorium der ehemaligen DDR erhofften, wurde durch die Politik der Treuhand zerstört. Barbara fand jedoch Halt in diesen für andere häufig diffusen anarchistischen Ideen. Dieser Halt, dieses Potpourri an Ideen und Wegen hin zu einer neuen Gesellschaft, waren für sie wie chemische Bestandteile, die mensch "nur" richtig dosieren und kombinieren müsse, um ein Rezept, besser eine Formel, zu finden, dieser gewaltigen Macht, die sich gerade die DDR einverleibte, etwas substantiell entgegenzusetzen. Für mich als Wessi brachte sie viele neue Aspekte in meine Perspektive. Dank vieler teilweise nächtelanger Diskussionen, mal heftig, mal eher an Sachthemen auf hohem Niveau, lernte ich den Blick der Ossis besser zu verstehen.

Die von Barbara Uebel initiierte Taschendemo für eine Gleichstellung von Ost- mit Westlöhnen. Quelle: Archiv der Zeitschrift "Graswurzelrevolution".

Eines Abends kam ich in den A-Laden und der war bis zur Decke mit großformatigen Kartons vollgestellt. Dazwischen saß Barbara mit einem verschmitzten Lächeln, das das Glück der Forscherin transportierte, endlich eine lange gesuchte Formel gegen das Übel dieser Welt gefunden zu haben. Sie hatte einen Großteil ihrer nach der Währungsunion verbliebenen Kröten in Stoffbeutel (!) investiert und s t r a h l t e! Diese Beutel waren beidseitig mit "Löhne 1:1! Renten 1:1!" bedruckt. Wenn ich mich richtig entsinne, sogar auf den Kopf gestellt, so dass man den Kopf drehen musste, um die Botschaft zu lesen. Wir anderen im A-Laden begannen uns verwundert die Augen zu reiben. Was war denn hier los?

Barbara erklärte: "Jetzt müssen wir das hinkriegen mit dem "1:1", sonst wird der Osten jahrzehntelang mit Löhnen und Renten hinter dem Westen her hinken!" Soweit konnten ich und auch die anderen folgen.

Aber warum stand diese textliche Aussage auf dem Kopf?

Die DemoteilnehmerInnen sollten sich einen Besen o.ä. nehmen, um die Botschaft anderen zu lesen zu geben. Ich muss bis heute schmunzeln, wenn ich daran denke. Barbara schloss sich der anarchosyndikalistischen Freien ArbeiterInnen Union (FAU) an. Zusammen mit einem Kollegen aus Brandenburg und anderen half sie mit, die FAU in der ehemaligen DDR aufzubauen. Sie hielt Vorträge, besuchte Koordinierungstreffen und fuhr zu den bundesweiten Kongressen. Die West-FAU stand Anfang der 90er kurz vor der Spaltung. In dieser Zeit gründete sich die FAU-Ost und beide Flügel "buhlten" um die neuen GenossInnen aus der ehemaligen DDR. Barbara war dagegen, sich als FAU-Ost auf einen dieser Flügel festzulegen und besuchte nach der Spaltung Konferenzen beider Seiten.

Im A-Laden hatte sich ein UnterstützerInnenkreis zur Rückgewinnung der Bakuninhütte nahe dem thüringischen Meiningen gebildet. Vom Altgenossen Hans Spaltenstein aus Hannover angetrieben, versuchten wir Rückübertragungsansprüche der in der Weimarer Zeit von AnarchosyndikalistInnen gebauten und 1933 von den Nazis enteigneten Hütte beim Bundesamt für offene Vermögensfragen geltend zu machen. Barbara war voll dabei. Mit Rat und Tat half sie mit, das verschüttete Wissen um die Geschichte dieser Bewegung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wieder zu Tage zu fördern. Mit anderen unternahm sie mehrere Fahrten nach Thüringen, um in Archiven nach Spuren zu suchen. Ein verbliebenes Zeugnis davon ist der "Sömmerda"-Film, in dem auch ZeitzeugInnen zu Wort kommen.

Die Anträge auf Rückübertragung der Bakuninhütte scheiterten. Als es später wieder eine Chance zu geben schien, die Bakuninhütte käuflich vom Bundesamt für Immobilienaufgaben zu erwerben, war Barbara sofort dabei. Sie gab etwas Geld zur notwendigen Kaufpreissumme dazu und war 2006 auch auf einem mehrwöchigen Baueinsatz mit helfender Hand zwischen den ganzen jungen Menschen dabei. Sie hatte keine Realitätsferne, wie man das oft bei WissenschaftlerInnen kennt: Einen Nagel einzuschlagen konnte nach ihrem Dafürhalten genauso viel politisch bewegen, wie eine Formel zu notieren.

Wir haben mit Barbara einen aufrechten Menschen, oft sympathisch starrköpfig, mit tiefer Seele und der Gabe, sich gut in das Gegenüber versetzen zu können, verloren. Solche Lücken sind schwer zu schließen, da solche Gewächse selten sind. Möge die Erde ihr leicht sein.

Ein Wanderfreund


Erinnerungen von Ulrike Laubenthal

Als wir 2005 die "Sichelschmiede-Werkstatt für Friedensarbeit in der Kyritz-Ruppiner Heide" gegründet haben, war Barbara eine wichtige Kontaktperson für uns beim Ankommen in der Region. Seit vielen Jahren in der Bürgerinitiative Freie Heide aktiv und immer mit vielen im Gespräch, kannte sie die Bedürfnisse und Empfindlichkeiten der lokalen Akteur_innen sehr gut. Zugleich war sie mit ihrem einfachen Leben im Bauwagen und ihren eigen-sinnigen Ideen immer ein bisschen Exotin und insofern keine "typische" Vertreterin der Bürgerinitiative.

Barbara Uebel im September 2006. Quelle: Wanderverein Bakuninhütte e. V.

Manchmal war es schwer, in ihre Gedankenwelt einzudringen. Ich habe noch ihr "Neiiiin!" im Ohr - wenn wir darüber gesprochen hatten, was die nächsten Schritte für unser Projekt wären, ich am Ende versuchte das von ihr Gehörte zusammen zu fassen und dabei offensichtlich den entscheidenden Punkt falsch verstanden hatte.

In dieser Zeit haben wir sehr persönliche Gespräche geführt.

Barbara berichtete mir von ihrer Kindheit: Den schrecklichen Bombennächten im Zweiten Weltkrieg und der furchtbaren Armut danach. Als Kinder waren sie und ihr Bruder auf die Mildtätigkeit anderer Leute angewiesen - eine Demütigung für Barbara, dankbar sein zu sollen für Dinge wie Essen, Kleidung und Obdach. Vielleicht konnte sie deshalb auch an ihrem Lebensende so wenig Hilfe annehmen. Eine prägende und schöne Zeit waren für Barbara die Jahre auf der Salzmannschule, wo sie ihr Abitur machte. Sie berichtete von den besonderen Kommunikationsstrukturen an dieser Schule, im Prinzip einem dauernden verschränkten Plenum: Die Schüler_innen lebten in altersgemischten Wohngruppen, saßen beim Essen aber in anderen Gruppen im Speisesaal und waren in den Schulklassen wieder anders gemischt. So war sichergestellt, dass jedes Ereignis im Schulleben schnellstens die Runde machte. Hatte jemand andere geschädigt oder seine/ihre Pflichten vernachlässigt, dann entschieden nicht Erwachsene über die Konsequenzen, sondern der Fall wurde von der Schulgemeinde so lange diskutiert, bis sich alle einig waren, was zu geschehen hatte.

Barbara Uebel 2006 beim Wiederaufbau der Bakuninhütte, bei dem u.a. die Fassade des Erstbaus neu verschalt wurde. Quelle: Wanderverein Bakuninhütte e. V.