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Morris, William

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Lexikon der Anarchie: Personen



William Morris wird am 24. März 1834 in Elm House, Clay Hill, Walthamstow in der Nähe von London als viertes Kind von Emma und William Morris, einer wohlhabenden Mittelstandsfamilie, geboren. Er stirbt am 3. Oktober 1896 in seinem Haus in Hammersmith (London) und liegt in Kelmscott begraben.


Äußere Daten

Als Künstler, Literat, Poet, Designer, Architekt, Handwerker und Kunsthistoriker ist Morris Zeit seines Lebens ein Querdenker gewesen, der erst relativ spät ein aktives und revolutionäres politisches Bewusstsein entwickelte.

Für Hans-Christian Kirsch (Autorenpseudonym: Frederik Hetmann) zählt er zu einem der letzten universellen Künstler in der Tradition der Renaissance (Kirsch 1992, S. 10). Vor allem im musisch-kreativen und künstlerischen Bereich zeigt Morris Begabung und Leidenschaft, die ihn über seine Zeit hinaus in vielerlei Hinsicht populär und wegweisend machen.

Sein Schaffen ist geprägt durch die mittelalterliche Idee der Verbindung von Kunst und Handwerk – gleichsam die Aufhebung der Kunst im Handwerk. Aber auch der politische Morris überzeugt bis heute durch sein undogmatisches und innovatives Denken. Er muss heute in diesem Sinne als ein Vordenker einer ökologisch orientierten Gesellschaft gesehen werden, die er sich als eine staatenlose Assoziation freier Menschen vorstellt. Dabei ist Morris von der Idee einer idealen, gleichsam glorifizierten mittelalterlichen Gesellschaftsordnung ohne industrielle Massenproduktion und kapitalistisch-bürgerliche Strukturen als Vorbild beseelt. Vor allem in seinem künstlerischen und literarischen Schaffen spiegelt sich diese Leidenschaft für das Mittelalter.

Sein Leben ist gekennzeichnet durch ein rastloses Tätigsein. Eine scheinbar nicht versiegende Quelle handwerklicher und ästhetischer Kreativität wird zum Fokus seiner Biographie. Bereits als Theologiestudent in Oxford (1853-55) zeichnet sich bei ihm die Faszination für das Mittelalter und die Gotik ab sowie die damit verbundene Architektur und Malerei.

Nach dem Studium arbeitet er 1856 zunächst in einem Londoner Architekturbüro und schließt sich einer präraffaelitischen Malergruppe an, zu denen auch seine Freunde und Lebensgefährten Gabriel Rossetti und Edward Burne-Jones gehören. Außerdem widmet er sich in den 1850er Jahren ausführlich der Malerei im Kontext mittelalterlicher Motive und veröffentlicht erste literarische Arbeiten.

Die 1860er Jahre bringen nicht nur durch die Heirat 1859 mit der Kutschertochter Jane Burden eine neue Qualität in sein Leben. Sein Freund, der Architekt Philip Webb, baut nach seinen Plänen das „Red House“ in Bexley Heath, eine Art neugotisches Backsteinschloss, das er 1860 bezieht.

1861 gründet er eine Firma für kunsthandwerkliche Produkte, entwirft hierbei u. a. bis heute einzigartige Tapeten- und Stoffmuster, Möbel, Teppiche und Schmuck und versucht der industriellen Massenproduktion von Alltagsdesign eine handwerkliche und ästhetische Alternative entgegenzustellen.

Es folgen Island-Reisen sowie eine verstärkte literarische Tätigkeit in Form einer Art „Fantasy“-Literatur, in der er seinen neuen Bezug zu nordischen Ländern und deren Kultur einbringt.

Anfang der 1870er Jahre siedelt er in die Nähe Oxfords in das Kelmscott House über. Schließlich beginnt in dieser Zeit auch die explizite Politisierung seines Lebens und führt zu verschiedenen und kontinuierlichen Tätigkeiten in sozialistischen Gruppierungen. Morris gilt bis heute in England als ein wichtiger Mentor und Erneuerer des Sozialismus ab Mitte der 1880er Jahre.

1883-84 ist er Mitglied der „Social Democratic Federation“ und 1885 gründet er die „Socialist League“ mit, der er bis 1890 angehört. 1885 übernimmt er die Herausgeberschaft des sozialistischen Magazins „Commonweal“, in dem er zahlreiche politische Beiträge veröffentlicht. Er tritt in diesem Jahrzehnt vor allem als politischer Redner und Publizist an die Öffentlichkeit. Sein Verhältnis zum Sozialismus und zur Arbeiterbewegung ist undogmatisch und kritisch. Aus dieser Zeit stammen auch seine beiden bekanntesten politischen Romane. „Kunde von Nirgendwo“ erscheint erstmals in mehreren Folgen 1890 in seiner Zeitschrift „Commonweal“ (als Buchausgabe 1891) und beschreibt eine zukünftige herrschaftsfreie Gesellschaft im 20. Jahrhundert nach einer fiktiven Revolution. „Der Traum von John Ball“, der ebenfalls als Vorabdruck im „Commonweal“ (1886/87) erscheint und 1888 als Buch publiziert wird, berichtet über den englischen Bauernaufstand von 1381 und seinem Führer, dem Pfarrer John Ball. Er impliziert dabei ebenfalls das Ideal einer egalitären Gesellschaft als politische Utopie für das 20. Jahrhunderts.

Als eine seiner letzten unternehmerischen und gleichzeitig künstlerischen Aktivitäten gründet er 1890/91 den Verlag „Kelmscott Press“, in dem fünfzig Buchtitel, vorwiegend kunsthistorische und literarische Arbeiten, in einer Gesamtauflage von ca. 18.000 Exemplaren gesetzt und gedruckt werden. Als Mitbegründer der „Arts and Crafts Movement“ Mitte der 1890er Jahre gilt Morris schließlich auch als Impulsgeber und Vordenker des Jugendstils und der Bauhausästhetik.


Mossris-Rezeption in Deutschland

Morris als einen Anarchisten zu beschreiben bzw. ihn im Kontext einer libertären Theorieofferte zu verorten, fällt im deutschen Sprachraum wesentlich schwerer als in seiner Heimat. Er ist hierzulande in erster Linie als Designer und Kunsthandwerker – vielleicht noch als Schriftsteller der politischen Utopie „Kunde von Nirgendwo“ – bekannt. Ansonsten wird der politische Morris nur selten wahrgenommen.

In diesem Sinne sind deutschsprachige Publikationen über bzw. von ihm rar. Als wichtigste deutsche Sekundärliteratur gelten die unveröffentlichte Dissertation von Egon Stein (1966) aus der DDR, die kenntnisreiche, gestalterisch aufwendige und in dieser Form bislang einmalige Biographie von Hans-Christian Kirsch (1983) sowie die bereits 1927 entstandene Studie über Morris Sozialismus und Anarchismus von Gustav Fritsche (Reprint 1966).

An aktuellen deutschen Übersetzungen von Schriften Morris liegen sein utopischer Roman „Kunde von Nirgendwo“ (erstmals dt. 1892, hier 1974, 1980, 1991) sowie seit neuestem auch wieder eine Übersetzung von „Der Traum von John Ball“ (1993). Eine heute selbst in Bibliotheken seltene deutsche Ausgabe von „John Ball“ erschien in einer Auflage von 10.000 Exemplaren erstmals 1953 im Ost-Berliner Verlag „Neues Leben“. Ein Sammelband mit gesellschaftskritischen Schriften wurde erstmals vonH.-Ch. Kirsch 1983 unter dem Titel „Wie wir leben und wie wir leben könnten“ übersetzt und herausgebracht (2. Aufl. 1992). Zentrale Beiträge zur Buchkunst, die Morris heute zu einem wichtigen Mentor und Innovator hinsichtlich Typographie und Gestaltung von Büchern machen, erscheinen 1986 in einer deutschen Übersetzung des erstmals 1982 in den USA und England herausgebrachten Bandes von William S. Peterson („Das ideale Buch“).

In den letzten Jahren hat sich vor allem der Schriftsteller und Sachbuchautor H.-Ch. Kirsch durch eine umfangreiche Rezeptions- und Übersetzungsarbeit im deutschen Sprachraum verdient gemacht und eine Reihe von Publikationen vorgelegt (Kirsch 1983, W. Morrls 1983,1993).

Damit ist in groben Zügen die aktuelle Rezeption und Publizistik über und von Morris im deutschen Sprachraum der letzten zwanzig Jahre genannt.

Eine Beschäftigung mit Morris im anarchistischen Diskussionszusammenhang blieb dabei bislang weitgehend aus. Es ist deshalb umso verdienstvoller, wenn die Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ in ihren März- und April-Ausgaben 1994 (exakt zum 160. Geburtstag von Morris) diese Diskussion aufnimmt (Ch. Wellner/J. Bauer 1994(a), 1994(b)) und hierfür Impulse setzt.


Stellenwert Morris’ innerhalb des libertären Spektrums

Zunächst ist festzuhalten, dass sich Morris in den 1880er Jahren ähnlich ablehnend gegenüber Anarchisten äußert, wie dies Leo N. Tolstoi etwa zur gleichen Zeit tut. Grund hierfür ist das gewalttätige Image, das der Anarchismus in jener Zeit aufgrund zahlreicher terroristischer Attentate in Frankreich, Deutschland und Russland verbreitet und ihn als eine politische Strategie der terroristischen „Propaganda der Tat“ diskreditiert. Besonders deutlich wird diese Ablehnung, wenn Morris in einem Aufsatz über seine politische Sozialisation schreibt: „Wie mich später, freilich ganz gegen ihre Absicht, meine anarchistischen Freunde davon überzeugten, daß Anarchismus unmöglich ist, so lernte ich von Mill, entgegen dessen Absicht, daß Sozialismus sein muß“ (Morris engl. 1894, hier dt. 1992, S. 137).

Beachtet werden muss bei der Einschätzung seines politischen Bewusstseins außerdem der biographische Zeitpunkt seiner Politisierung. Morris war in dieser Hinsicht gleichsam ein „Spätzünder“, d. h. sie erfolgte ab den 1870er Jahren und damit zu einem Zeitpunkt, als er bereits Anfang Vierzig war. Er selbst spricht in diesem Zusammenhang von einer „Bekehrung“ (Morris engl. 1894, hier dt. 1992, S. 134) und definiert seinen Sozialismus folgendermaßen: „Ich verstehe unter Sozialismus einen Zustand der Gesellschaft, in dem es weder Reiche noch Arme, weder Herrschende noch Beherrschte gibt, weder Müßiggänger noch Überarbeitete, weder hirnkranke Kopfarbeiter noch herzkranke Handarbeiter, mit einem Wort: eine Gesellschaft, in der alle Menschen unter gleichen Bedingungen leben ...“ (ebd.).

Wir finden bei ihm auch keine systematische Gesamtdarstellung seiner Gesellschaftskritik bzw. seines Sozialismuskonzeptes. Seine politischen Schriften sind vor allem als Vorträge entstanden und verbreitet. Er erscheint uns heute in diesem Sinne auch weniger als ein systematischer Denker des undogmatischen Sozialismus als vielmehr sein Agitator. Am umfangreichsten und dezidiertesten liegt seine Gesellschaftskritik als literarisch-politische Utopie in den beiden Romanen „Kunde von Nirgendwo“ und „Ein Traum von John Ball“ vor.

Für eine Einschätzung seiner Beziehung zum Anarchismus ist außerdem von Bedeutung, dass er ideengeschichtlich nur implizit an libertäre Ansätze anknüpft, wie etwa – was nahe liegt – an den kommunistischen Anarchismus von Peter Kropotkin, seinem Zeitgenossen. Gustav Fritsche geht davon aus, dass es vor allem Kropotkins Sammelbände „Die Eroberung des Brotes“ (erstmals franz. 1892) und „Worte eines Rebellen“ (erstmals franz. 1885) sind, die ihn „aufs nachhaltigste beeinflusst haben“ (Fritsche 1927, S.105).

Wenn wir einen Bezug bei Morris zum Anarchismus herstellen können und wollen, dann müssen wir von einem eigenständigen Theorieansatz bei ihm ausgehen, der sich parallel zur bestehenden Bewegung entwickelt und nur marginal von der anarchistischen Bewegung seiner Zeit geprägt ist.

Wie bereits oben angedeutet, haben wir es bei Morris gesellschaftspolitisch gesehen, mit einem ökologischen, dezentral-genossenschaftlichen und libertär-sozialistischen Konzept der Gesellschaftskritik und -utopie zu tun. Im Vordergrund steht seine Kritik am kapitalistischen Industrialismus, an der mechanischen, unästhetischen und asozialen Massenproduktion sowie am kapitalistisch-bürgerlichen Staat. Wie finden bei ihm keinen wissenschaftlich begründeten Sozialismus wie etwa bei Karl Marx oder P. Kropotkin. Sein Ideal orientiert sich an idealisierenden Vorstellungen vom Mittelalter – der Historiker E. P. Thompson spricht in diesem Zusammenhang von einem romantischen Sozialismus (1955/1977) –, bei der die Trennung von Kopf- und Handarbeit sowie von Kunst und Handwerk aufgehoben sind. Er hat einen ganzheitlichen, kreativen und tätigen Menschen vor Augen, bei dem Arbeit, Kunst und Politik harmonisch im Alltag aufgehen. Die Parallelen mit der anarchistischen Bewegung liegen bei Morris ab den 1880er Jahren im antietatistischen Ideal der Zukunftsgesellschaft und zeigen sich publizistisch z. B. in seinem Roman „Kunde von Nirgendwo“. Im Gegensatz zu Anarchisten ist für Morris jedoch die ideale anarchistische Gesellschaft erst der zweite Schritt nach einer etatistisch-sozialistischen „Zwischengesellschaft“, die der libertären Utopie vorausgehen muss.


Fazit

Abschließend kann festgestellt werden, dass wir es bei Morris mit einem libertären Denker zu tun haben, der nicht in der damals bestehenden anarchistischen Bewegung eingebunden ist; im Gegenteil: Er steht ihr distanziert gegenüber. Er verkörpert jedoch einen jener libertären bzw. antiautoritär-sozialistischen Wege des Denkens und Handelns in der Geschichte der Menschheit, die in ihrer ursprünglichen Ausprägung „einmalig“ sind und nur selten zu einer „Bewegung“ wurden. Das Fundament seines undogmatischen Sozialismus liegt dabei, biographisch gesehen, eher bei John Ruskin und John Stuart Mill als bei Kropotkin. Morris ist ein libertärer Anreger und Universalist, ein Individualist und Künstler, der vom fiktiven Ideal einer niemals real existierenden Welt des Mittelalters handwerklich und künstlerisch geprägt ist und auch politisch eine libertäre Utopie daran anschließt.


Ulrich Klemm


Literatur und Quellen: Wichtigste Werke

  • John Ball oder der Aufstand der Bauern von Kent. Berlin(Ost) 1953
  • Kunde von Nirgendwo. Eine Utopie der vollendeten kommunistischen Gesellschaft aus dem Jahre 1890, neu hg. v. G. Selle, Reutlingen 1981, erstm. Köln 1974
  • Wie wir leben und wie wir leben könnten. Vier Essays. Mit einer Einführung versehen, übersetzt und hg. v. H.-Ch. Kirsch, Köln 1992, erstm. Köln 1983
  • Wie ich ein Sozialist wurde, in: W. Morris, a. a. O., Köln 1992, S. 133 – 144
  • Das ideale Buch. Essays und Vorträge über die Kunst des schönen Buches, hg. v. W. S. Peterson, Göttingen 1986, erstm. Engl. Berkeley / Los Angeles u. London 1982
  • Kunde von Nirgendwo oder Ein Zeitalter der Ruhe. Einige Kapitel aus einer utopischen Romanze, Berlin 1991
  • Ein Traum von John Ball. Übersetzt und mit einem kommentierenden Essay v. R.-Ch. Kirsch, Münster u. Ulm 1993


Quellen

  • G. Fritzsche: William Morris' Sozialismus und anarchistischer Kommunismus, Leipzig 1927, Reprint New York / London 1966
  • H.-Ch. Kirsch: William Morris – ein Mann gegen die Zeit. Leben und Werk, Köln 1983
  • Ders.: William Morris. Ein Kämpfer für das Schöne und Nützliche, in: W. Morris, a. a. O., Köln 1992, S. 9-67
  • A. L Morton (Ed.): Political Writings of William Morris, London 1973
  • E. Stein: Von William Morris zur sozialistischen Kulturrevolution. Entwicklung in Architektur und angewandter Kunst in hundert Jahren gesellschaftlichen Fortschritts, unveröffentlichte Dissertation, Berlin (Ost) 1966
  • E. P. Thompson: William Morris – Romantic to Revolutionary, London 1955, überarbeitete Neuaufl. London 1977
  • Ch. Wellner / J. Bauer: „Wir wollen wirklich lebendig sein und bleiben!“ William Morris' libertäre Utopie und seine Kritik des lndustrialismus, in: Graswurzelrevolution. Für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, Nr. 186, März 1994 (a), S. 1 u. 13; Ch. Wellner / J. Bauer: William Morris und andere Sozialistlnnen, in: Graswurzelrevolution, Nr. 187, April 1994 (b), S. 12-13.



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