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Tucker, Benjamin R.

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Lexikon der Anarchie: Personen


Benjamin R. Tucker (1854-1939)

Benjamin R. Tucker, geb.: 17. April 1854 in South Dartmouth, Massachusetts; gest.: 22. Juni 1939 in Monaco. US-amerikanischer Individual-Anarchist.


Äußere Daten

Die Eltern von Tucker waren radikale Unitarier und lebten in gutsituierten Verhältnissen.

Tucker besuchte die „Friends Academy“ in New Bedfort, anschließend das Institute of Technology in Massachusetts. Für ihn war das ein planloses Studium von drei Jahren. Bereits mit 18 Jahren schwanden seine Interessen an einem technischen Studium zugunsten der Politik. Nacheinander war er Prohibitionist, Frauenrechtler, Förderer der Acht-Stunden-Tag-Bewegung sowie religiöser Radikaler.

Im Jahre 1872 begegnete er Josiah Warren und William B. Greene und damit begann seine lebenslange Laufbahn als anti-staatlicher Denker.

1874 unternahm Tucker seine erste Europareise, hauptsächlich um sich dem Studium der Werke von Pierre Joseph Proudhon zu widmen. So veröffentlichte er schon mit zweiundzwanzig Jahren eine eigene Übersetzung von P. Proudhons „Was ist das Eigentum“ und begründete seine erste Zeitschrift, die „Radical Review“. Außerdem wurde er Mitherausgeber der Zeitschrift „Word” von E. H. Heywood. Im Sinne der berühmten Steuerverweigerung von Henry David Thoreau, kündigte Tucker im August 1875 an, er würde die Kopfsteuer der Stadt Princeton und die Steuern für das Verlagsbüro des „Word“ nicht bezahlen. Diese Ankündigung brachte ihn zwar ins Gefängnis, aber er kam schnell wieder frei, weil ein unbekannter Wohltäter die Zahlung der Steuern übernahm.

Im Jahre 1881 wurde Tucker Herausgeber seiner Zeitschrift „Liberty“, die siebenundzwanzig Jahre lang bis 1908 erschien.

Für die Mitarbeit an seiner Zeitschrift konnte er hervorragende Autoren gewinnen, darunter Georg Schumm (Übersetzer von John Henry Mackays „Die Anarchisten“), J. B. Robinson, J. L. Walker, L. Spooner, V. Yarros, S. T. Byington.

Tucker, der seinen Lebensunterhalt als Journalist und nicht mit seiner Zeitschrift „Liberty“ verdiente, übernahm 1892 die Herausgabe des „Engineering Magazin“ in New York, was dazu führte, dass die „Liberty“ nicht mehr in Boston, sondern in New York publiziert wurde.

Unter der Mitarbeit von James L. Walker und Steven T. Byington konnte Tucker 1907 Max Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“ veröffentlichen. Für ihn war das eine seiner größten Leistungen in seinem politischen Leben.

Eine Zusammenfassung seiner Texte, Vorträge und Artikel, vornehmlich aus „Liberty“, erschien 1893 in „Instead of a book“(Von einem Mann, der zu beschäftigt war, um ein Buch zu schreiben). Dieses Buch, das 1926 erschienen war, erschien 1969 in einer Neuauflage unter dem Titel „The Individual Liberty“. 1972 gab es eine Wiederveröffentlichung.

1908 wurden Tuckers Buchladen, Druckerei und Verlagsbüro durch einen Brand völlig zerstört. Dadurch verlor er in New York seine Existenzgrundlage und nutzte deshalb die finanzielle Hilfe seiner Familie, um nach Europa zu gehen. Zwar hatte er noch ernsthafte Absichten, sich weiter der Veröffentlichung anarchistischer Literatur zu widmen, aber da die finanziellen Mittel fehlten, beschränkte sich Tucker auf gelegentliche Stellungnahmen und Beiträge.

Zunächst lebte er mit seiner Familie in Paris, dann in der Nähe von Nizza und bis zu seinem Tod 1939 in Monaco.

Politischer Werdegang und politische Vorstellungen

In einem Brief an den Herausgeber der Zeitschrift „New Bedfort Sunday Standard“ (1924) begründete Tucker seine Nichtbeteiligung an Wahlen und beschrieb bei dieser Gelegenheit seinen Weg zum Anarchismus: Im achtzehnten Lebensjahr, als er sich für religiöse und politische Fragen interessiert, lernt er 1872 seinen Lehrer und Freund Josiah Warren kennen und dieser bringt ihn zur anarchistischen Grundüberzeugung: „Warren brachte mich auf den Weg zum Anarchismus, indem er meine Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenkte, daß ich nicht dazu geboren war, meinen Willen anderen Menschen aufzuzwingen; daß ich mich einzig um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern hatte und auf freiwilliger Basis mit anderen zusammenzuarbeiten hatte, um diese Freiheit zu sichern ...“ (Brief von Tucker am 28. 9. 1924 in „New Bedfort Sunday Standard“).

Tucker widmete sich eingehend dem Studium der Ethik und der Ökonomie, mit dem Resultat, dass er ein überzeugter Anarchist wurde, auch wenn er diese Bezeichnung öffentlich zunächst nicht annahm.

Die Herausgabe von „Liberty“ (1881-1908) betrachtete er als die Hauptarbeit seines Lebens. Um diese Propaganda betreiben zu können, musste er Hand- und Setzarbeit in seiner eigenen kleinen Druckerei leisten: „Im Verlauf dieser Arbeit habe ich mehr als 50.000 Dollar aufgewendet, wobei ein großer Teil davon durch Plackerei bei Tag und Nacht in der erstickenden Atmosphäre von Zeitungs-Buden verdient wurde ...“ (Brief von Tucker am 28. 9. 1924; auch Mitteilungsblatt der Mackay-Gesellschaft, Nr. 18, August 1982).

Für sein Blatt konnte er zeitweise sechzig, meist hervorragende Mitarbeiter, Journalisten und Intellektuelle, gewinnen. Außer der Freude und Befriedigung an einem Organ mitzuwirken, das insbesondere in den Jahren 1886 bis 1890 internationale Bedeutung erlangte, erhielten weder der Verleger der „Liberty“ noch seine Autoren Honorare für ihre Arbeit.

Zum individualistischen Anarchismus kam Tucker durch die amerikanische freiheitliche Tradition, die er mit dem Denken und den Erkenntnissen P. J. Proudhons verband. Wesentlich begründete sich dieser amerikanische Anarchismus auf die sozialen und wirtschaftlichen Experimente sowie den Schriften von Josiah Warren.

T. selbst bezeichnete „Liberty“ als das „führende Organ der Lehren Josiah Warrens“ und als er 1893 seine Ideen und Beiträge in „Instead ofa book“ zusammenfasste, widmete er diese Arbeit seinem alten Freund und Lehrer Josiah Warren.

Tucker unterschied nicht zwischen den Vertretern des amerikanischen und europäischen Anarchismus. Jedenfalls nicht bis etwa 1886, zu einem Zeitpunkt, als er sich gegen die Anwendung „revolutionärer Gewalt“ aussprach und er in der Ökonomie Auffassungen vertrat, die mit den Zielen der kommunistischen Anarchisten nicht zu vereinbaren waren.

In Peter Kropotkin und Élisée Reclus sah Tucker bedeutende Anarchisten und er übersetzte Michael Bakunins Werk „Gott und der Staat“. Die schweizerische Zeitung „La Revolte“ hielt er für lehrreich und als P. Kropotkin und einundfünfzig Genossen 1883 in Lyon (Frankreich) unter Anklage standen, prophezeite er in „Liberty“ (Feb. 1883) schwere Unruhen, wenn man P. Kropotkin und die anderen verurteilen würde.

In diesen Jahren, in denen sich T. zum talentiertesten Sprecher des individualistischen Anarchismus entwickelte, wurde ihm auch vorgeworfen, er sei der „Papst“ der Bewegung. Seine Reaktion: „Ich bin nicht Eigentümer des Anarchismus. Ich glaube nicht an Eigentum für Ideen. Der Anarchismus existierte vor mir, wie er nach mir existieren wird. Ich kann ihn nur für mich selbst interpretieren“ („Liberty“, 30. 11. 1885).

Als am 11. November 1887 in Chicago ( Haymarket) fünf revolutionäre Sozialisten und Anarchisten einem Justizmord zum Opfer fielen, weil man ihnen einen Bombenwurf und die Tötung von sieben Polizisten unterstellte, ist Tucker von der Unschuld der Verurteilten überzeugt und bekundete seine Solidarität mit diesen Opfern des Staates und des Kapitals. Aber in seiner Erklärung nimmt er auch entschieden Abstand von der Anwendung von Gewalt: „... ich mißbillige aufs äußerste ihre Methoden; ich stelle in Frage ihren Anarchismus: aber als Brüder, als liebe Kameraden, beseelt von der gleichen Liebe und zusammenarbeitend in einem weiten Sinne einer gemeinsamen Sache, wie es nie eine größere gab, gebe ich ihnen zugleich meine Hände und mein Herz. Fern sei es von mir, auch nur im geringsten der Solidarität auszuweichen, die uns vereinigt ...“ („Liberty”, 19. 11. 1887; siehe auch „Instead of a Book”, S. 386).

T. hatte den Anarchismus als einen allgemeinen Zweig der sozialistischen Bewegung betrachtet, hielt auch den freiwilligen Kommunismus P. Kropotkins durchaus für möglich, während er gegenüber jedem Staatssozialismus einen scharfen Trennungsstrich zog und jede Annäherung an diesen für gänzlich ausgeschlossen hielt, aber offenbar unter dem Eindruck der Propaganda von Johann Most, der in seinem Blatt „Freiheit“ „revolutionäre Gewalt“ befürwortete und jedes privates Eigentum als Diebstahl verneinte, beginnt Tucker seine Positionen zu überdenken und gelangt zu der Überzeugung, seinen Anarchismus entschiedener vom Kommunismus abgrenzen zu müssen.

Sein Mitherausgeber bei „Liberty“, Henry Appleton, bezeichnete J. Most als einen prahlerischen Schwärmer, einen Großsprecher, der sich als Anarchist verkleidet, zwar Gegner des herrschenden Systems sei, sich aber auf eine eigene prägende Gewalt stützt. Seine Position wäre lächerlich, weil ein Kommunist, der unter der Flagge des Anarchismus segelt, eine falsche Figur sei.

Zweifellos teilte Tucker, der dann noch intensiv in „Liberty“ eine polemische Auseinandersetzung mit J. Most führte, die Auffassung seines Freundes H. Appleton, was aber nichts daran änderte, dass „Liberty“ der Verteidigung auch der revolutionären Kommunisten weiten Raum bot und dass Tucker sich in dieser Frage der Solidarität als äußerst beständig erwies. Kritisch gegenüber den Gewerkschaften, die er nicht als anti-staatlich im eigentlichen Sinne sah, unterstützte Tucker jeden bedeutenden Streik und Widerstand der Arbeiter. Im Sinne seiner ökonomischen Lehre war er überzeugt, Streiks an sich bringen den Kapitalismus nicht zu Fall, aber er war immer von der Berechtigung und Notwendigkeit der Auflehnung gegen das Kapital überzeugt.

„Denen, die aufschrein, daß die Arbeiterschaft kriminell sei, sagen wir, daß das Kapital weit mehr kriminell ist. Die Tränen des Monopols erregen keine Sympathie ...“ („Liberty“, 28. 7. 1884).

Aber Tucker, der mit seiner Zeitschrift Resonanz in der amerikanischen Öffentlichkeit erzielte, LeserInnen in allen Schichten ansprach, auch Handwerker und Arbeiter, sah immer mehr die Notwendigkeit, dass sich das Programm des individualistischen Anarchismus von der "Propaganda der Tat" deutlich abgrenzte und unterschied.

Ein Anarchismus, der mit dem Stigma der Gewalt, des Terrors belegt sei, hemme nur die Verbreitung von Ideen., die von der Herrschaft zur Freiheit führen, und stützen somit letztlich den Staat.

Dem Anarchismus ist dieses Stigma geblieben. Tucker ist es nicht gelungen, weite Teile der Öffentlichkeit davon überzeugen zu können, dass seine Anhänger und Anarchisten schlechthin schuldlos an terroristischen Aktionen seien, wie es ihm auch nicht gelang, eine qualifizierte und andauernde Diskussion unterschiedlicher ökonomischer Konzepte innerhalb der anarchistischen Bewegung in Gang zu bringen und zu halten.

Emma Goldman, die Tucker als Autor, der mit der Feder umzugehen wusste, sehr wohl schätzte, meinte, er sei in seiner Ablehnung des Kommunismus zu engstirnig gewesen. Indessen zeigt ein Studium von Tuckers wichtigsten Schriften („Staatssozialismus und Anarchismus“, „Warum ich Anarchist bin“, „Sind Anarchisten Mörder“, sowie „Der Staat in seiner Beziehung zum Individuum“), dass er den Grundgedanken, sich in Solidarität für Gemeinschaften zu entscheiden, stets betonte: „Wir bieten Zusammenarbeit (Kooperation) an. Wir bieten die nicht zwangsgeprägte Organisation an. Wir bieten die freiwillig sich vereinigende Verbindung. Wir bieten jede mögliche Methode freiwilligen gesellschaftlichen Zusammenschlusses, durch welche Männer und Frauen zusammen zur Förderung des Wohlergehens handeln können. Kurz, wir bieten freiwilligen wissenschaftlichen Sozialismus anstelle der gegenwärtigen zwangsweisen, unwissenschaftlichen Organisation, die für den Staat und alle seine Verzweigungen charakteristisch ist ...“ („Liberty“, 14. 10. 1892).

In der Konsequenz dieser Gedanken konnte der Anarchismus nur pluralistisch sein, musste er allen Menschen zubilligen, sich entsprechend ihren Neigungen, Glaubensformen und Anschauungen vereinigen zu können, solange sie sich gegenüber anderen Individuen und Gemeinschaften nicht aggressiv verhalten.

T., der Atheist war, für unabhängige und freie Schulen eintrat, hat daher auch den Katholiken eingeräumt, eigene Schulen im Sinne ihrer Religion zu begründen. Es war die Betonung der Nichtaggressivität, der damit verbundene Verzicht auf einen Monopolanspruch, kurz der Pluralismus, worauf die Aversionen der kommunistischen Anarchisten nach Meinung Tuckers beruhen und weshalb sie einen Dialog mit den individualistischen Anarchisten ablehnten. Die kommunistischen Anarchisten bestanden auf der Akzeptanz eines Kollektivismus, der nach ihrer Auffassung allein zur Lösung der sozialen Frage führte und andere Alternativen ausschloss. Tucker hatte nicht den Kommunismus auf der Basis der Freiwilligkeit und Zustimmung der Individuen verneint, sondern den Monopolanspruch der kommunistischen Anarchisten.

„Liberty“ war kein Mackay - Stirner-Organ, wie mitunter behauptet. Tucker lernte 1889 den Dichter und späteren Stirner-Biographen J. H. Mackay persönlich kennen. Aus dieser Bekanntschaft wurde eine lebenslange Freundschaft und J. H. Mackay widmete seine bedeutendsten Werke „Die Anarchisten“ und „Der Freiheitsucher“ der „Freundschaft eines Lebens“.

James Walker erwähnt Max Stirner zum ersten Male in der „Liberty“ am 22. Januar 1887. In der Ausgabe vom 7. 5. 1887 äußert sich Tucker positiv über M. Stirner, aber das war zunächst auch alles. Erst 1907 veröffentlicht Tucker eine englische Übersetzung von M. Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“.

1908 sollte J. H. Mackays Buch „Max Stirner, Leben und Werk“ in zweiter Auflage, noch vor der zweiten deutschen Auflage, in englischer Sprache erscheinen, aber am 10. Januar 1908 wurde Tuckers Buchladen, seine Druckerei und auch viele wertvolle Manuskripte ein Raub der Flammen. J. H. Mackays Manuskript wurde durch einen Zufall vor der Vernichtung bewahrt.

„Liberty“, an der zahlreiche Autoren mitarbeiteten, war geprägt von vielfältigen Diskussionen, von Gegensätzen, insbesondere durch die unterschiedlichen Meinungen im libertären Lager.

Tucker hielt, ohne ihr Gegner zu sein, wenig von Reform-Gemeinschaften, die sich allein auf Idealismus begründeten. Seiner Meinung nach würden sie aber in der Regel als produktive Unternehmen scheitern. Sie würden besondere Menschen erfordern, aber dann besäße man kein Argument für eine Verwirklichung von Reformen mit „alltäglichen Menschen“. Außerdem, dies war sein Haupteinwand, gäbe es keine eigentlichen Produktionsprobleme, sondern es gäbe ein Problem der Distribution und dieses könnte nur gelöst werden, wenn die Privilegien auf die Zirkulation beseitigt würden. Der Finanzkapitalismus und die alles beherrschende Wesensart des Staates seien die Feinde, nicht irgendwelche Einzelpersonen. Das System sei zu ändern, die Staats-Wirtschaftsmonopole zu entmonopolisieren. Die Ausschließung der Konkurrenz sei das Übel. Deshalb seien Attentate sowie revolutionäre Gewalt zwecklos und erfolglos. Gewalt kann die Anarchie nicht bringen, aber auch nicht verhindern.

Dank J. H. Mackay, der eine Propaganda-Schriften-Reihe des individualistischen Anarchismus herausgab, erschienen wichtige Texte von Tucker in deutscher Sprache. Darunter grundlegende Texte wie „Sind Anarchisten Mörder“ und „Staat und Individuum“. In einem späteren Nachwort zu seinem Text „Staatssozialismus und Anarchismus“ räumt Tucker ein, dass der Weg jetzt nicht mehr so klar vor uns läge: Das konzentrierte Kapital wäre in der Lage, dank der Monopolgewinne, jede Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. Wohl hielt Tucker nach wie vor die anarchistische Lösung für richtig, aber die Entwicklung bedinge zunächst zwangsweise Konfiskationen (entschädigungslose Enteignungen) durch oder trotz des Staates. Man muss sich hier vergegenwärtigen, dass Tucker um die Gefährlichkeit der staatlichen Monopole wusste, von dem das Geldmonopol eine besondere Bedeutung besitzt, konnte sich also ausrechnen, dass die Wirksamkeit der Monopole dem Kapitalismus ein langes Leben sichert.

Für Tucker war das Geldmonopol das schwerwiegendste Monopol überhaupt und war davon überzeugt, vollständige Freiheit in den finanziellen Angelegenheiten würde genügen, um beinahe alle Trusts zu beseitigen oder doch wenigstens unschädlich zu machen (Geldfreiheit).

Gustav Landauer kritisierte diese Ansicht insofern, dass er Tucker, und den individualistischen Anarchisten vorwarf, mit Geduld das Abwirtschaften des Monopolismus, Sieg und Niederlage der Sozialdemokratie abwarten zu wollen, bis dann endlich die Egoisten mit der Wirtschaftstheorie P. J. Proudhons vom freien und gerechten Austausch der Produkte der Einzelnen, der Gemeinden, Genossenschaften, auf der Bildfläche erscheinen würde.

Tucker war der Meinung, dass weder Monopolismus noch Sozialdemokratie, Kommunismus noch Staatssozialismus eine Lösung bringen, sich ihr Scheitern in der Geschichte erweisen wird, aber er war auch der Ansicht: Kapitalismus ist wenigstens erträglich, was vom Sozialismus und Kommunismus nicht gesagt werden kann.

In der Beurteilung der staatlichen-kapitalistischen Entwicklung hatte Tucker recht, aber bezüglich seiner Resignation, der späteren Aufgabe seines öffentlichen Kampfes für den Anarchismus, traf G. Landauer den Nagel auf den Kopf.

Aber G. Landauer übersah, dass die anarchistische Bewegung um die Jahrhundertwende wegen unterschiedlichen Zielsetzungen und widersprüchlichen Aussagen hinsichtlich der „revolutionären Gewalt“, in der Öffentlichkeit relativ leicht zu diffamieren war und die von G. Landauer vertretene Wirtschaftstheorie von P. J. Proudhon nicht das Interesse der Anarchisten fand, die sich auf den Syndikalismus beschränkten und sich überdies mit weiten Teilen des Marxismus eingelassen hatten.

Diese Tendenzen waren über Jahre Gegenstand der Kritik Tuckers in der „Liberty“, der insbesondere zu verhindern suchte, dass es die Anarchisten durch eigenes Verhalten, durch unpräzise Aussagen, ihren Gegnern allzu leicht machen, den Anarchismus denunzieren zu können.

Die Zerstörung von Tuckers Buchladen und Verlagsbüro beendete das Erscheinen von „Liberty“ und die Abreise nach Frankreich 1908 führte auch dazu, dass sich die einst aktive individualistische Gruppe auflöste. Dieser Prozess der Auflösung begann schon einige Jahre vorher und war auch der Grund dafür, warum die „Liberty“ ab 1905 nur noch alle zwei Monate erschien.

Tuckers Interesse am Leben, der Literatur, der Politik, war nicht erloschen, aber abgesehen von den finanziellen Beschränkungen, besaß er offensichtlich keine große Begeisterung mehr, sich für den Anarchismus zu engagieren.

Mit seiner Familie, seiner Frau Pearl Johnsons, seiner Tochter Oriole, lebte er ein anarchistisches Leben, optimistisch für sich selbst, verbunden mit der Lieber für seine Frau und seine Tochter, aber pessimistisch beurteilte er die politischen Aussichten für die Welt.

1915 gab er, wie auch P. Kropotkin und andere Anarchisten, seinen antimilitaristischen Standpunkt auf und bekundete seine Sympathie für die Alliierten und für Frankreich im Kampfe gegen das Wilhelminische Deutschland.

Den Anarchisten, so scheint es, blieb die schmerzliche Erfahrung nicht erspart, dass Staat nicht gleich Staat ist. 1922 revidierte Tucker seine Aussage, da er der Meinung war, jene, die im Weltkrieg kämpften, taten dieses nicht, um für die Welt mehr Demokratie zu gewinnen, sondern um die Welt sicherer vor mehr Demokratie zu machen.

Tucker engagierte sich im März 1927 für Sacco und Vanzetti, was zeigte, dass sein Herz immer noch für die Opfer des Kapitals schlug. Von den anarchistischen Zeitungen hielt er „Mother Earth“ noch für das beste Blatt. Ein Organ, das nach seiner Meinung den Respekt intelligenter und ehrlicher Leute verdiente.

Was er in den dreißiger Jahren unter Anarchismus verstand, sah er am „Nullpunkt“. Den Anarchismus in Spanien hielt er für eine Missbenennung. Der Einfluss von P. J. Proudhon war nicht mehr existent und die spanischen Anarchisten, muteten mit wenigen Ausnahmen, als ein „ziemlich verrückter Haufen“an. (Nach James J. Martin, in: „Männer gegen den Staat“, Bd. 2, S. 434).

Eine Äußerung, die sich aus seiner Überzeugung erklären lässt, dass der Anarcho-Syndikalismus einen Weg geht, der nicht zur Anarchie führt, es sei denn, auch Syndikalisten akzeptieren Pluralismus und Individualismus.

Auch noch mit 80 Jahren behielt er seine scharfe Beobachtungsgabe, die ausgeprägte Fähigkeit präzise formulieren zu können, wovon er auch bei vielen Gelegenheiten noch Gebrauch machte.

Ausblick

Der Irrtum, hält nach Silvio Gesell, die Wahrheit am Leben. Der von Tucker so leidenschaftlich bekämpfte marxistische Staatssozialismus ist gescheitert, wenn auch später als vorhergesehen, aber die Grundidee, dass der Staat nicht das letzte Wort haben wird, die individualistischen und mutualistischen Ideen latent bleiben, diese Überzeugung ist lebendig und die Ursache dafür, dass wenn über die Freiheit der Individuen und der Gesellschaft nachgedacht wird, der Denker, Schriftsteller und Anarchist Tucker seine bleibende Bedeutung besitzt.


Autor: Uwe Timm

Literatur und Quellen: Die wichtigsten Werke

  • Instead of a Book (By a man too busy to write one), New York 1969, Hg. H. C. Roseman, unter der aktiven Unterstützung von L. Labadie u. Prof. J. J. Martin), Erstveröffentlicht 1893; Neuausgabe unter dem Titel: Individuell Liberty, New York 1972.

Die nachstehenden Texte wurden von J. H. Mackay in seiner Schriftenreihe für eine Propaganda des individualistischen Anarchismus herausgegeben (Verlag B, Zack, Berlin):

  • Staatssozialismus und Anarchismus, 1889, 1908 u. 1922, Erstveröffentlichung in dt. Sprache in „Libertas“, 17. März 1888, Neuauflage Frankfurt/M. 1976
  • Der Staat in seiner Beziehung zum Individuum, 1899
  • Sind Anarchisten Mörder, 1907
  • Was ist Sozialismus? Eine Antwort und eine Definition, 1908
  • Benjamin Tucker, Die Stellung des Anarchismus zur Trustfrage, Frankfurt /M. 1998
  • Von der Zeitschrift Liberty erschienen 1888 von März bis September 8 Ausgaben in deutscher Sprache unter dem Titel „Libertas“


Quellen

  • J. J. Martin: Männer gegen den Staat, 2 Bde., Freiburg 1980
  • P. Eltzbacher: Der Anarchismus (Die Lehre Tuckers), Berlin 1987
  • R. Nozick: Anarchie, Staat, Utopia, München 1974
  • R. A. Wilson: Illuminatas, Bd. 3, Hamburg 1982
  • E. Momin (Hg.): John Henry Mackay: Die gedachte Welt, Frankfurt/M. 1989
  • K. H. Z. Solneman: Der Bahnbrecher J. H. Mackay, 1974
  • G. Landauer: Beginnen (Vom Weg des Sozialismus), 1909, 1924, Wetzlar 1977
  • P. Avrich: Benjamin Tucker und seine Tochter. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans Nowicki, veröffentlich in ESPERO, Nr. 13, Februar 1998, S.4-12
  • H. Kennedy (Hg.) : Lieber Tucker, J.H. Mackay an B. R. Tucker, deutsche Ausgabe: Berlin 2001 (Briefe, Karten an Tucker, Autobiographien Mackay/Tucker sowie Tuckers berühmter Aufsatz „Staatssozialismus und Anarchismus“)
  • W. McElroy: Benjamin Tucker und der Individualanarchismus, Grevenbroich, 2000


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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