Gustav Landauer: Skepsis und Mystik

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Buchcover: 978-3868410594 Landauer-Ausgewaehlte Schriften Bd 7.jpg
Autor/en: Gustav Landauer
Titel: Skepsis und Mystik
Titel: Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik
Editoriales: (= Ausgewählte Schriften - Band 7). Hrsg., kommentiert, mit einer Einleitung und einem Personenregister versehen von Siegbert Wolf. Illustriert von Uwe Rausch
Verlag: Verlag Edition AV
Erscheinungsort: Lich/Hessen
Erscheinungsjahr: 2011
Umfang, Aufmachung: Originalausgabe. Broschur. 257 Seiten.
ISBN: 978-3868410594
Preis: 18,00 EUR
Direktkauf: bei aLibro, der Autorenbuchhandlung des DadAWeb

Besprechung

„Es gibt keine reine Vernunft“

Zur textkritischen Neuausgabe von Gustav Landauers „Skepsis und Mystik“

"In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren,
und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge,
und wollte ich, so wäre ich nicht noch alle Dinge,
und wäre ich nicht, so wäre Gott nicht.
Es ist nicht nötig, dies zu verstehen."

Meister Eckhart

Die 1903 erschienene Schrift „Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik“ zählt zu Gustav Landauers philosophischen Hauptwerken. Das Werk markiert eine Wende im Denken Landauers hin zur Mystik. Im gleichen Jahr, in dem „Skepsis und Mystik“ veröffentlicht wurde, war auch Landauers Übersetzung der "Mystischen Schriften des Meister Eckhart" ins Hochdeutsche erschienen. Und es sind diese Schriften Eckhardts, die Landauers Verständnis der Mystik stark beeinflusst haben. Eckhart will die Befreiung des Menschen von den Zwängen einer Gesellschaft, die wenig oder gar keinen Raum zur individuellen Entfaltung gibt, da die Dogmen der Kirche alles Individuelle unterdrücken. Die „innere Einkehr“ macht den Menschen frei. Und auch Landauer will die Befreiung des Menschen von allen politischen, religiösen und gesellschaftlichen Zwängen. Nicht die anonyme Gesellschaft, sondern die übersichtliche Gemeinschaft gibt dem Einzelnen die notwendige Freiheit zur individuellen Entfaltung.

Landauer hat sich in „Skepsis und Mystik“ maßgeblich an die von Fritz Mauthner (1849-1923) und Max Stirner (1806-1856) entwickelte radikale Sprachkritik angelehnt. Seine eigene sprach- und erkenntniskritische Auffassung beschreibt er in „Skepsis und Mystik“ wie folgt:

„Es gibt […] keine reine Vernunft, es gibt keine Möglichkeit, die Erkenntnis anders zu fördern als mit Hilfe der Erfahrung, also der Sinne; die Allgemeinbegriffe sind nicht eingeborene Formen, die des Inhalts harren, sie sind nur Worte, gewordene Worte, und auch unsere Worte vom Werden und von der Entwicklung sind wiederum Worte. Die Sinne aber, auf die all unser Erkennen […] einzuschränken ist, sind nur Zufallssinne, sind gar nicht zur objektiven Welterkenntnis eingerichtet, haben sich nur so entwickelt, wie es das Interesse unseres Lebens erforderte. […] Weltanschauung! Sie ist nichts anderes als unser Sprachschatz; und der Sprachschatz ist unser Gedächtnis; und umgekehrt. […] So also steht es: Unsere Welt ist ein Bild, das mit sehr armseligen Mitteln, mit unseren paar Sinnen, hergestellt ist. Diese Welt aber, die Natur, in ihrer Sprachlosigkeit und Unaussprechbarkeit, ist unermesslich reich gegen unsere so genannte Weltanschauung, gegen Das, was wir als Erkenntnis oder Sprache von der Natur schwatzen.“

Für Gustav Landauers philosophisch-geistige Entwicklung war insbesondere seine Freundschaft mit dem Sprachkritiker und Kulturtheoretiker Fritz Mauthner (1849-1923) von großer Bedeutung. Er kannte Mauthner seit seinem 1889 in Berlin aufgenommenen Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität, und sie blieben über drei Jahrzehnte lang befreundet. Mauthner misstraute der Sprache aufgrund ihrer Unfähigkeit, die Dynamik der Wirklichkeit hinreichend zu erfassen. Er sah in ihr kein Erkenntnisinstrument, vielmehr ist sie „gar nichts anderes als ihr Gebrauch. Sprache ist Sprachgebrauch.“ Mit dieser Sicht negierte Mauthner jegliche Wirklichkeitserkenntnis von Sprache und begrifflichem Denken. Sprache ist für Mauthner vor allem „Wortaberglauben“, und das will heißen: Die Menschen glauben zu denken, obgleich sie lediglich sprechen.

Im Gegensatz zu Fritz Mauthner verknüpfte Gustav Landauer seine radikale Sprachkritik mit einer umfassenden Kultur- und Gesellschaftskritik. Die Synthese aus Sprach- und Gesellschaftskritik dient ihm als Basis zur Entwicklung seiner Vision der gesellschaftlichen Restrukturierung: „Das ist vielmehr das Große am Sozialismus: dass er uns von den Wortgebäuden weg zum Bau der Wirklichkeit führt.“

Als Ausweg aus der Sprachkritik Mauthners, der zufolge Sprache Welterkenntnis geradezu verhindere, gibt es bei Landauer die Option: Anstatt die Welt zu erkennen, selbst zur Welt zu werden. Geschehen könne dies mit Hilfe der Mystik durch „Absonderung“ und die Transformation der Sprache in bildhafte Poesie. Da Dichtung und poetische Ausdrucksform keinen Anspruch auf objektive Wahrheit erheben, eröffnen sie die Möglichkeit, die Verbindung der Menschen mit der Welt (wieder) herzustellen.

Der Behauptung, dass der Mensch von Natur aus gut sei, setzt Landauer die Erkenntnis der Entfremdung des Individuums von der Natur entgegen. Diese Entfremdung kann erst durch den Prozess der geistigen „Wiedergeburt“ aufgehoben werden. Die Einheit von Mensch und Natur, das ist es, was Landauer unter Mystik versteht, wobei „wir selbst ein Stück der Welt sind“. Rationale Naturerkenntnis – die ausschließlich instrumentelle Annäherung an die Natur – gehöre bereits zum Prozess der Naturvereinnahmung und -zerstörung. Skepsis bedeutet hier bei Landauer die Weigerung, sich die Natur ausschließlich erkenntnistheoretisch anzueignen, und Mystik bedeutet die Bereitschaft, sich unvoreingenommen für Natur- und Welterfahrungen zu öffnen. Landauer hat ganz bewusst vom dem „Wiederanschluss“ an die Natur gesprochen, nicht von einer „Humanisierung“ der Natur. Er dachte dabei an Dezentralisation, an die Verbindung von Hand- und Kopfarbeit sowie an die Harmonisierung von Landwirtschaft, Kleinindustrie und Handwerk und an ländliche Gemeinschaftssiedlungen, um so zur Einheit von Welt, Ich und Natur zu gelangen.

Es ist keine homogene Weltanschauung, die Landauers Gefühl der Verbundenheit mit der Welt zugrunde liegt, vielmehr basiert sie auf der Vorstellung der Vielfalt unter den Menschen und in der Natur. Ihm zufolge kann die Geschichte der Weltanschauungen, der Philosophie wie der Religionen, in zwei Lager geteilt werden: „auf der einen Seite solche, die sich schnell bei etwas Positivem beruhigten: die Priester und die Gründer philosophischer Systeme als Bessere und die Pfaffen und Philosophieprofessoren als weniger Gute; auf der anderen Seite solche, die leidenschaftlich nach Ruhe begehrten, aber durch nichts beruhigt werden konnten: die Ketzer, Sektierer und Mystiker.“

Die von Siegbert Wolf als siebenter Band der „Ausgewählten Schriften“ Gustav Landauers herausgegebene textkritische Ausgabe von „Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik“ basiert auf der Erstauflage von 1903. Sie wurde ergänzt um die von Martin Buber aus Landauers handschriftlichen Aufzeichnungen 1923 herausgegebene, erweiterte, zweite Auflage. Zusätzlich hat der Herausgeber diejenigen Essays Gustav Landauers in einem Anhang beigefügt, die zum tieferen Verständnis dieses Werkes unverzichtbar sind. In seiner Einleitung gibt Siegbert Wolf einen kenntnisreichen Einblick in die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte dieser wohl wichtigsten philosophischen Schrift Gustav Landauers.

Landauers „Skepsis und Mystik“ kommt nicht nur der Rang einer grundlegenden Sprachphilosophie des Anarchismus zu, sondern das Werk ist auch ein erkenntnistheoretischer Grundstein, auf dem ein anarchistisches Verständnis von Mystik aufbauen kann.

Jochen Schmück,
Potsdam 15. November 2011

INHALT

Einleitung von Siegbert Wolf

  • „Die Welt will werden […] sie will alles werden”
    - Zu Gustav Landauers sprachphilosophischem Hauptwerk [9]
  • Anmerkungen [25]

Gustav Landauer: Skepsis und Mystik

  • Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik. [39]
  • Anmerkungen [109]

ANHANG

  • Durch Absonderung zur Gemeinschaft (1900/01) [131]
  • Mauthners Sprachkritik (1901) [148]
  • Mauthners Sprachwissenschaft (1901) [154]
  • Die Welt als Zeit (1902) [169]
  • Die neue Welterkenntnis (1902) [182]
  • Mauthners Werk (1903) [191]
  • Musik der Welt (1905) [202]
  • Über den Zeitbegriff bei Fritz Mauthner [206]
  • Anmerkungen [207]
  • Zeittafel [231]
  • Primär- und Sekundärbibliographie [240]
  • Siglen und Abkürzungen [246]
  • Namenregister [248]
  • Zur Person des Herausgebers [250]



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