Josef Bovshover

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Lexikon der Anarchie: Personen


Josef Bovshover (jiddisch יוסף באָװשאָװער, geb.1872 in Mogilev, Weißrussland; gest. 1915 in Poughkeepsie, USA); Jiddischer Dichter.

Josef Bovshover (1872-1915)


Inhaltsverzeichnis

Leben

In der alten Heimat

Josef Bovshover wurde am jüdischen Feiertag Jom Kippur im Jahr 1872 in Libovitsh (evtl. Lyubizh), einer Stadt in der Nähe von Mahiljou (jidd.transkr. und ältere dt. Schreibweise: Mogilev), Weißrussland, als eines von sieben Kindern geboren. Er stammte aus einer sehr feinen Mischpoke; seine Vorfahren mütterlicherseits waren Kantoren und gelehrte Talmudisten, die Vorfahren väterlicherseits Geschäftsleute. Der Vater war ein großer Gelehrter, ein frommer Jude aus vollem Herzen, ein wohltätiger und spendierfreudiger Mann, aber er war auch, nach den Worten Mikhal Kohns, dem Herausgeber der Gesammelten Werke, ein religiöser Fanatiker, der seine Kinder streng orthodox erzog. Gerne hätte der Vater aus seinem Sohn einen religiösen Gelehrten gemacht, doch zum Leidwesen seiner Eltern schlug dieser einen anderen Weg ein. Der junge Bovshover verbrachte viel Zeit in der Natur, wo er sich mitunter den ganzen Tag alleine aufhielt und von wo er erst spät abends nach Hause kam. Im Alter von ungefähr 16 Jahren zog Bovshover nach Riga und begann als Laufbursche für ein großes Mehl-Geschäft zu arbeiten. Ein Bekannter, der ihn zu dieser Zeit in Riga traf, schrieb über ihn: „Er muss sechzehn gewesen sein und arbeitete als Laufbursche für ein großes Mehl Geschäft. Der schwere Korb mit Mehl Säcken nahm nicht das liebe, kindliche Lächeln vom Gesicht des Jungen mit dem hübschen Kopf, der mit schwarzen und gekräuselten Haar deutlich aus den mit Mehl beschattenen armen Kleidern herausstach.“[1] Für Bovshover waren die Jahre in Riga lehrreich in vielerlei Hinsicht, denn hier erlernt er die deutsche Sprache, vor allem mit Hilfe der deutschen Literatur.

Erste Schritte in Amerika

Im Oktober 1891 wanderte Bovshover in die Vereinigten Staaten von Amerika aus, wo bereits zwei seiner älteren Brüder lebten. Sie alle zählen zu einer großen Welle jüdischer Emigrantinnen und Emigranten, die ab den frühen 1880er Jahren aus Osteuropa flüchteten. Die Verelendung der ostjüdischen Massen und die oftmals staatlich initiierten antijüdischen Pogrome waren hierfür entscheidende Gründe. In New York landete Bovshover, wie so viele osteuropäische Einwanderer und Einwanderinnen, in einem der berüchtigten Sweatshops der Textilindustrie, wo ihm Bekannte einen Job als Futter-Macher besorgten hatten, der ein wenig besser bezahlt war als die Tätigkeit eines normalen Schneiders. Der Lohn eines Schneiders betrug zwischen sieben und acht Dollar pro Woche, ein Futter-Macher verdiente bis zu vier Dollar mehr. Die Arbeitsbedingungen waren allerdings so schlecht, dass Bovshover dort nicht lange beschäftigt war. Angeblich verlor er den Job als Futter-Macher, weil er sich angewöhnt hatte, den Mitarbeitern seine revolutionären Lieder vorzutragen. Nach der Kündigung eröffnete einer seiner Brüder für Bovshover ein kleines Geschäft, in dem Bovshover seine Erfahrung aus dem Mehlgeschäft einbringen konnte. Aber der Versuch scheiterte, denn Bovshover mangelte es an Geschäftssinn und Engagement.

Als Bovshover 1891 in den Vereinigten Staaten von Amerika eintraf, strömten große Teile der jüdischen Arbeiterschaft in die Sozialistische Arbeiterpartei (SLP) unter der Leitung von Daniel DeLeon. Diese erfolgreiche Mobilisierung gelang durch die Organisation jiddischsprachiger Sektionen der SLP und später mit Hilfe der United Hebrew Trade (UHT), einer Dachgesellschaft verschiedener jüdisch-amerikanischer Gewerkschaften, die der SLP verpflichtet war. Befürworter anderer Ideen, wie die des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes aus Polen, Litauen und Russland (BUND) oder anarchistische Gruppierungen, wehrten sich gegen die Vereinnahmung des amerikanisch-jüdischen Proletariats durch die SLP. Deren erfolgreiche Agitation war beispielsweise einer der Gründe dafür, dass die anarchistische Bewegung in den 1890er Jahre einige Krisen erlebte, wie das Jahr 1892, in dem die Fraye arbeter shtime monatelang nicht erschien. Bovshover scheint ganz zu Beginn seiner Aufenthalts in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht sonderlich an Politik interessiert gewesen zu sein, womit er ideologisch ganz auf der Linie der einwandernden Osteuropäerinnen und Osteuropäer lag, von denen heute Forscher wie Tony Michels annehmen, dass sich ihre Radikalität erst in ihren amerikanischen Jahren entwickelt hat. Bovshover war weder in Libovitsh noch in Riga ein politischer Aktivist gewesen, er wurde es erst in den USA. Auf eine bestimmte Ideologie war er damals nicht fixiert; so verkehrte er zwar mit Personen aus dem Umkreis der anarchistischen Fraye arbeter shtime, seine ersten Gedichte veröffentlichte er aber in der sozialdemokratische Arbeter tsaytung der SLP.


Erfolge

In den Jahren 1892 und 1893 arbeitete Bovshover eifrig an seinen jiddischen Gedichten während er, nach seinem anfänglichen Scheitern als Geschäftsmann und Futter-Macher, erneut Tätigkeiten im Textilgewerbe nachging. 1893 scheint er dann erstmalig mit seiner Poesie erfolgreich gewesen zu sein, denn sie wurde in der jiddischen Presse häufig gedruckt, wie in der Zeitschrift Arbeter fraynd, die in den Monaten März und April jede Woche ein Gedicht von ihm veröffentliche, der Arbeter tsaytung der SLP und der anarchistischen Fraye arbeter shtime. Einige der Gedichte, die Bovshover im Jahr 1893 produzierte, stehen im besonderen Gedenken an die gescheiterten deutsche Revolution des Jahres 1848, die für revolutionäre deutsch-amerikanische Gruppierungen in New York Anlass verschiedener Festivitäten war. An diesem Diskurs beteiligten sich auch viele der jüdischen Radikalen, die mit den deutschen Bewegungen oftmals eng verbunden waren. Im März 1893 entstanden die Gedichte Merts gedanken, Di ziftsende shtime, Tsum kempfer und im Herbst des Jahres das Gedicht Di kugl-giser, das ganz konkret die historische Ereignisse in Deutschland aufgreift.

Ohne Mäzen und eigenen Reichtum, in prekären Arbeitsverhältnissen, blieb Bovshover zeit seines jungen Lebens ein verarmter Dichter, der zwar innerhalb der jiddischsprachigen Welt ein wenig Aufmerksamkeit erfuhr, der aber ansonsten mit den gleichen Widrigkeiten zu kämpfen hatte, wie andere osteuropäische Arbeiterinnen und Arbeiter auch: hohe Arbeitszeiten, niedrige Löhne und schlechte Arbeits- und Lebensverhältnisse. Er verließ früh morgens sein Zimmer in Brooklyn zur Arbeit und kam spät abends erschöpft wieder nach Hause, wo er sich dann in sein Arbeitszimmer begab und an seinen Gedichten feilte. Im Jahr 1895 zog Bovshover nach New Haven, wo er für ein wenig Geld und ein Zimmer das Kleidergeschäft eines Freundes hütete, als Kellner arbeitete und Zeitungen austrug; er verlor den letzten Job, weil sich die Beschwerden mehrten, dass die Zeitung morgens ausbleibe. An der örtlichen Yale Universität besuchte er Kurse über Englisch und Literatur, was eine nachhaltige Wirkung auf sein literarisches Schaffen hatte, denn nachdem er gegen Ende des Jahres 1895 oder im Jahr 1896 wieder nach New York gezogen war, übersetzte er einige seiner jiddischen Gedichte ins Englische und schrieb erstmalig Gedichte in englischer Sprache. Obwohl sich Bovshover mit der Zeit ein beachtliches literarisches Können angeeignet hatte - er schrieb Gedichte, Satiren, Erzählungen, Essays, übersetzte Jiddisch, Englisch, Deutsch und Russisch und war journalistisch tätig -, lohnte sich das literarisches Schaffen für ihn nicht; und auch bekanntere jiddische Dichter wie Morris Rosenfeld oder David Edelstadt kamen nur über die Runden, wenn sie hauptsächlich einer anderen Tätigkeit nachgingen.

Ab dem Jahr 1896 begann Bovshover die Zusammenarbeit mit Benjamin R. Tucker und dessen anarchistischer Zeitung Liberty, für die Bovshover unter dem Pseudonym Basil Dal englische Gedichte entwarf. Die erste Veröffentlichung, das Gedicht To the Toilers, erschien am 7. März 1896 zusammen mit einer enthusiastische Lobpreisung auf den jungen Dichter vom Herausgeber des Blattes. Tucker, einer der wichtigsten Theoretiker des Individualanarchismus, muss als einer der großen Förderer des jiddischen Dichters gelten; allerdings gelang es ihm nicht, Bovshover in der englischen Presse oder unter englischen Literaturkritikern einen Namen zu machen, denn dafür war der Abstand zwischen dem Anarchisten Tucker und der bürgerlichen Welt und der zwischen einem jiddischen Literaten, der revolutionäre Lieder auf Englisch schrieb, und dem englischen Literaturbetrieb zu groß. Möglicherweise wirkte sich der persönliche Kontakt zu Tucker auf die ideologischen Anschauen Bovshovers insofern aus, dass bereits vorhandene anarchistische Ideen um individualanarchistische Entwürfe verfeinert wurden.

Krankheit und Tod

Ab den späten 1890er Jahren zeigt sich bei Bovshover eine geistige Krankeit, die Mitschuld am frühen Tod des Dichters hatte. Es fällt schwer, heute darüber eine Prognose abzugeben, aber Bovshover litt vielleicht an einer starken Depression, einer pathologischen Melancholie, die ihn passiv werden ließ und die ihn später zum Verstummen brachte. Emma Goldmann nennt den jiddischen Lyriker in ihrer Autobiographie Living my Life einen auffällig impulsiven Menschen. Vor allem nach seinem 26. Geburtstag hinterließ die Krankheit bei ihm auch äußerliche Spuren; seine linke Achsel begann weit herabzuhängen und die Rechte zog er unnatürlich stark hoch; den Kopf trug er immer tief zwischen die Schultern gezogen, sein Gesicht war aschfahl und seine Kleidung abgetragen und alt. Ab den späten 90er Jahren ging er keiner Tätigkeit mehr nach und war so auf die Wohltätigkeit seiner Freundinnen und Freunde und seiner Brüder, die in den Vereinigten Staaten von Amerika lebten, angewiesen. Diese nahmen den verelendeten Dichter zeitweise auf und erst als der Zustand des Dichters immer schlechter wurde und die in seiner Lyrik so oft besungenen schwarzen Wolken sich seines Verstandes vollends bemächtigten, musste er das Leben bei Verwandten, Freundinnen und Freunden mit einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt eintauschen. Hier verbrachte er mehrere Jahre seines Lebens bis er am 20. oder 25. Dezember 1915 in einem Sanatorium in Poughkeepsie im Staat New York verstarb.


Werk

Gattungen und Einflüsse

Bovshover bevorzugte die Gattungen Lyrik und Epik, wobei das lyrische Werk mengenmäßig überwiegt. Bei seinen Gedichten handelt es sich vor allem, gemessen an inhaltlichen Kriterien, um soziale und politische Dichtung (Arbeiterlyrik); es finden sich aber auch Natur- und Liebesgedichte in seinem Œuvre. Seine Prosastücke sind vorwiegend kurz; es sind meistens phantasievolle Kurzgeschichten und biographische Skizzen mit gesellschaftskritischem Hintergrund.

Sein lyrischen Werk und seine Prosatexte lassen sich grob in zwei Phasen unterteilen, wobei es möglich ist diese Phasen an den Einflüssen durch anderen Autoren festzumachen. Noch vor seiner Zeit in Amerika ist es vor allem die deutsche Poesie, die ihn beeinflusst hat, allen voran Heinrich Heine. Als er dann in die USA kommt, trifft er dort auf die drei Dichter Morris Rosenfeld, Morris Winchevsky und David Edelstadt. Diese drei Dichter, insbesondere Edelstadt, dienen ihm als Vorbild für seine eigenen Gedichte: er übernimmt Edelstadts Themen und oftmals sogar die Titel seiner Gedichte. Ein sehr wichtiges Motiv der Gedichte sind „Tränen“, das alle der genannten Dichter häufig gebrauchen. Die vier Dichter sind als „Sweatshop Poets“ bekannt, doch sie lassen sich auch als „Tränen Dichter“ bezeichnen.

In der zweiten Periode, die sich graduell entwickelt und nicht scharf von der ersten abgrenzen lässt, machen sich vor allem die Einflüsse von Walt Whitman, Edwin Markham und Ralph Waldo Emerson bemerkbar. Unter der Wirkung von Emerson und Whitman schreibt Bovshover Gedichte, die sich, ganz im Stil der Transzendentalisten, an die Natur und das Weltall richten. Bovshover kommt ihnen sogar so nahe, dass er beginnt, sich von seinem großen Helden Heinrich Heine zu lösen. Er sagt: „Der allgemeine Eindruck, den Heine auf die Jugend macht, ist kein ganz gesunder“. Die Lieder Emersons machen auf Bovshover dagegen einen „sehr gesunden Eindruck“ und auch das Werk Emersons ist „sehr gesund“[2].

Heine und Edelstadt

Ein Freund aus Riga erklärte einmal wie Bovshover die deutsche Sprache erlernte (transkr.): „Nit lernendik keyn deytsh […] gekent oyzvendig zayn heyne“ [3]. Bovshover konnte bereits in jungen Jahren Gedichte von Heinrich Heine auswendig. Der große Einfluss Heines auf Bovshover, nicht nur auf dessen Spracherwerb, sondern auch auf dessen Poesie, ist an den Gedichten auf inhaltlicher und auf formaler Ebene nachvollziehbar. So in dem 36 Strophen á 4 Verse langen Gedicht Likht un shatten, in dem sich das Ich in der zweiten Strophe an Heine erinnert, der dann plötzlich in Strophe sieben leibhaftig erscheint. Dann entfaltet sich bis zum Ende des Gedichts ein monologisches Sprechen von Heine, der Ereignisse nach seinem Tod kommentiert. In Strophe 19 reflektiert er beispielsweise den Skandal um die Errichtung des Denkmals zu seinem hundertsten Geburtstag (1897), das wegen einer antisemitischen Hetzkampagne gegen den jüdischen Dichter weder in Düsseldorf, Mainz oder Frankfurt, sondern in der amerikanischen Stadt New York, im Stadtteil Bronx errichtet wurde:

Man hat mir zu Ehren ein Denkmal gemacht,
die Loreley sitzt auf ihm oben,
sie wollen es aber in Düsseldorf nicht,
ich denk mir, das kommt durch meinen Glauben. [4]

David Edelstadt, der populärste anarchistische jiddische Dichter seiner Zeit, ist ein weiterer wichtiger Autor, ohne den die Dichtung von Bovshover nicht denkbar wäre. Gemeinsam begründen sie eine beachtenswerte anarchistische Tradition in der neuen jiddischen Literatur. Darin zählen beide zu einer größeren Gruppe an Lyrikerinnen und Lyrikern, die aufgrund ihrer sozialen und politischen Dichtung, sowie ihrer proletarischen Herkunft, als „sweatshop poets“ (dt.: Schwitzbuden-Dichter) angesprochen werden. Diese literarische Bewegung war aufgespalten in ideologische Lager, zuerst dem anarchistischen und sozialistischen, später auch dem sozialistisch-zionistischen Lager. Neben Freiheits- und Naturdichtung, verfassten sie vor allem soziale Gedichte. Die politische Lyrik von Edelstadt lässt sich als proletarisch-revolutionär klassifizieren, in denen anarchistische Positionen manchmal ganz offen zu Tage treten, wie in dem programmatischen Gedicht Anarkhie (Strophe 1):

Eine Welt ohne Herrschaft, ohne Ketten, ohne Tränen,
eine Welt voller Liebe und Harmonie,
wo des Einen Glück wird des Zweiten nicht stören,
das ist Anarchie.[5]

Als Edelstadt am 17. Oktober 1892 an Schwindsucht starb, einer für die arbeitende Klasse damals typischen Krankheit, war Bovshover tief bewegt und schrieb noch am gleichen Tag die Elegie Tsum andenken fun david edelshtat. Das Gedicht zeigt die enge Verbindung der beiden anarchistischen Dichter zueinander; es leitet die gesammelten Werke Edelstats folks-gedikhte ein (Strophe 27, 28 u. 29):


Edelstadt! Du bist gestorben,
fühlst nicht mehr den Weltenschmerz,
doch dein Tod, der hat verwundet,
schrecklich, schrecklich mir mein Herz.
Bist gestorben, doch ich tröst mich,
denn es lebt dein großer Geist,
wenn ich deine Lieder singe,
wird es für mich sein der Trost.
Und ich weiß die Zeit wird kommen,
mit dem freiheitsvollen Glanz,
dann wird jeder niederlegen,
auf deinem Grab einen Blumenkranz.
17ter Oktober, 1892.[6]

Stellung zur Religion

Bovshovers Haltung zu Religion, die in seinen Gedichten zum Ausdruck kommt, veränderte sich mit der Zeit und lässt unterschiedliche interpretatorische Ansätze zu. Im Frühwerk finden sich verschiedene antireligiöse Gedichte, aber auch solche mit biblische Themen und Motiven. Das Spätwerk Bovshovers enthält dagegen keine antireligiösen Gedichte mehr.

Die antireligiösen Tendenzen in den frühen Gedichten entsprechen einer gegen Ende des 19. Jahrhunderts typischen Haltung innerhalb der anarchistischen Bewegung. So veranstalteten jüdisch-anarchistische Aktivisten in New York antireligiöse Jom Kippur-Bälle. Am Tag der Versöhnung, an dem jüdische Gläubige fasten und beten, veranstalteten anarchistische Gruppen ein rauschendes säkulares Fest, um ihrem Atheismus besonderen Ausdruck zu verleihen. Auf den Bällen sprachen beispielsweise Johann Most, Johanna Greie oder Saul Yanovsky. Ab dem 20ten Jahrhundert überwog jedoch der Wille zur religiösen Toleranz und Integration innerhalb der jüdisch-anarchistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Die in Bovshovers Frühwerk geäußerte Kritik enthält ideologische Komponenten, mag aber auch persönliche Gründe haben. Mikhal Kohn verweist mehrfach auf die strenge religiöse Erziehung durch den Vater, woraus sich biographisch eine Verbindung zu Bovshovers starker Abneigung gegen Religion ableiten ließe. Daneben stehen die ideologischen Komponenten seiner Negation ganz im Einklang mit der grundsätzlichen libertären Forderung nach Gleichheit und Herrschaftslosigkeit. Der Glauben, so appelliert das Ich im Gedicht Tsum gloybigen, steht allein im Dienst der Herrschaft, des Stricks und der Ketten. Das Gedicht Lebt in frieden zelebriert einen ganzen Kanon libertärer Ideale, darunter auch die drei Verse:

Keinen Gott und keinen Thron,
ja, es darf kein Oben
und es darf kein Unten geben.

Die antireligiösen Tendenzen der frühen Gedichte zielen ebenso auf die Institutionen der Weltreligionen und deren Vertreter ab. In A monolog fun der dumhayt spricht das Ich als Dummheit über seine Geschäftigkeit für die christlichen Kirchen im Kopf des Proletariats. Dort erzeugt es einen schwarzen Schleier, den die verblendeten Gläubigen ausräumen müssen, um wieder klar zu sehen.

Auf der anderen Seite schrieb Bovshover das an das alte Testament angelehnte dramatische Gedicht Tsvey veltn, in dem sich Abraham und sein Vater Terach um die Darstellung Gottes streiten. Samuel Malts interpretierte in der Dezember Ausgabe der Fraye arbeter shtime 1973 das dramatische Gedicht als Suche des Dichters nach einem gerechten Glauben.[7]

Im Spätwerk Bovshovers finden sich keine antireligiösen Gedichte mehr. Möglicherweise ist dieser Sinneswandel eine Folge seiner Rezeption amerikanischer Transzendetalisten, womöglich aber auch eine Rückbesinnung auf die eigene jüdische Kultur.

Gedichte

März Gedanken

Wenn ich so stehe am Meer bei Nacht,
in Weh versunken, stumm, betracht,
und hör die stillen Wellen rauschen,
dann seuftz ich, wein und stöhne aus:
So schläft die Freiheit auf der Welt,
erstickt von Räubern, Knecht und Geld,
so seufzt und stöhnt sie wie das Meer,
voll tiefem Schmerz, voll Weh, voll Gram.
Wenn ich ein Rinnsal seh beim Meer klein,
und neben ihm ein Felsenstein,
der lässt es nicht ins Meer hinein,
dann schrei ich aus mit Schmerz mit Pein:
das Rinnsal, ach, bin ich, bin ich,
zum Meer der Freiheit zieht es mich,
doch Weh! Eine starke Wand verstellt den Weg,
gebaut von unserer Herrscherwelt.
Wenn ich den Donner sehe mit wildem Krach,
zerspaltet den Stein und macht ihn flach,
zerschneidet seine Härte, wie eine Säge,
und macht dem Rinnsal frei den Weg,
dann werde ich mutig, stark und dreist,
sogleich wacht auf mein Freiheitsgeist,
und tief begeistert ruf ich aus, schrei:
Revolution! Du machst mich frei!


Lebt in Frieden

Frieden auf der ganzen Erde,
Gleichheit für die ganze Welt !
Freunde, lebt, wie euch gefällt,
ohne Schwindel, ohne Geld,
ohne Henker, ohne Schwert.
König, Bauer, Sklave, Knecht,
jeder hat das gleiche Recht.
Keinen Gott und keinen Thron,
ja, es darf kein Oben
und es darf kein Unten geben.
Was man darf, soll jeder tun,
wie der Bauer so der König.
Welcher Mensch wäre dann noch wenig?

Aus meinem Tagebuch

Ich stieg mit dem Sonnenaufgang auf, zog mich an und obwohl ich sah, dass der Tag heiß werden würde, schlüpfte ich in meinen Wintermantel. Auf der Straße kaufte ich mir eine Zeitung, sah die Stellenangebote durch und marschierte zu einem der Plätze an dem man Arbeiter sucht. Bestimmt bin ich der erste, dachte ich bei mir, weil sonst niemand einen so großen Hunger verspürt und so früh aufsteht um dorthin zu gehen. Doch dieser Gedanke war ein Fehler. Ich traf auf eine ganze Handvoll meiner Sorte, das heißt auf hungrige, nackte und zerzauste Arbeiter. Daraufhin wollte ich zu einem anderen in der Zeitung angegebenen Ort gehen, doch dann dachte ich bei mir, dass dort bestimmt das gleiche los sei. So blieb ich stehen und schaute mir alles an. Ich blickte in die verfinsterten Gesichter, auf denen die Not ihr schwarzes Segel abgelegt hatte und ich bemerkte, wie einer den anderen mit bösen Blicken musterte. Ach, ihr armen, närrischen Arbeiter, dachte ich bei mir, ihr wisst nicht auf wen ihr böse sein solltet. Ihr wisst nicht, wer euch in diesen traurigen Zustand brachte.

Das Warten ärgerte mich und je länger ich dort stand desto wütender wurde ich, denn ich sah, wie Menschen, die die Früchte ihrer Arbeit genießen wollen, warten und stehen, bis man ihnen zu arbeiten erlaubt. Doch plötzlich tat sich etwas. Es klingelte sieben Uhr und der Vorarbeiter kam. Das war ein rothaariger, vollgefressener Typ. Er stellte sich auf eine Brücke an der Fabrik und betrachtete uns ganz genau mit seinen kleinen Augen, wie ein Offizier, der seine Soldaten anschaut. Er behielt die Hände in der Hose, von wo eine goldene Kette herabhing, und schaute uns mit zufriedenen Augen und voller Vergnügen an. Mit jedem Augenblick fühlte er sich höher und größer als all diejenigen auf die er blickte. Mich ekelte dieser Anblick an. Ich schaute auf die Gesichter der Arbeiter, ihre angstvollen, erwartungsfrohen, verschreckten und verzweifelten Gesichter. Alle starrten mit betenden Blicken auf den Vorarbeiter. Jeder wollte ihm gefallen um später mit dem Geld das lang ersehnte Stückchen Brot zu kaufen.

Ich las die finsteren Gedanken in ihren Köpfe. Nirgendwo bekommt man Arbeit und daheim liegt die kranke Frau mit dem Kind, ohne Brot, ohne Arzt, ohne Medizin und der Vermieter steht vor der Tür um alle rauszuwerfen, weil die Miete nicht bezahlt worden ist. Dies und andere solche traurigen Zustände, die das Arbeiterleben erfüllen, las ich in ihren Gesichtern.

Nachdem der Vorarbeiter jeden von Kopf bis Fuß betrachtet hatte, winkte er endlich drei von uns zu sich. Natürlich wählte er die Stärksten aus. Er hatte Recht, denn bevor man etwas kauft, überlegt man was am billigsten und besten ist. Mit herabgelassenen Köpfen verschwanden die übrigen in verschiedene Richtungen. Zornig und aufgeregt ging auch ich davon.

Ich ging zurück zu meiner Wohnung, doch in mein Zimmer hinaufgehen wollte ich nicht. Mehrere Monatsmieten standen aus und das Fräulein zieht eine saure Miene, wenn sie mich sieht. Dabei kann ich es dem bleichen, schuftenden, doppelt versklavten Fräulein nicht verdenken. Sie sorgt sich ebenso, denn der Besitzer des Hauses lässt auch sie nicht ruhen.

Mir wurde seltsam zumute. Der Tag ist heiß und der Wintermantel liegt mir auf den Schultern, der Hunger knurrte mir im Magen, wie bei einem Wolf und die Schuhe schauen mich mit ihren offenen Mäulern so traurig an, gerade wie ein paar Frösche in einem ausgetrockneten Sumpf. Was soll man tun? Wohin soll man flüchten? Wohin flüchtet man sich alleine? Ich fühlte mich eingeengt. Um mich herum Häuser, die alle gleich aussahen. Vor jedem Haus steht eine Tonne, so wie vor den Häusern der Reichen ineinander verwachsene Bäume unter den Fenstern. Mir wurde ganz unwohl und ich hatte das Gefühl zu ersticken.

Alles was ich um mich herum sah war wie ein dicker, fest geflochtener Strick, der sich um meinen Hals zu wickeln begann. Ich ging weiter ohne darauf zu achten wohin ich ging. Endlich, als ich mich umschaute, sah ich, dass ich mich in der Oberstadt befand. Hier sind die Straßen still. Ein Milchmann fährt vorbei und klappert mit seinen blechernen Kannen. Die schönen Häuser sind noch verschlossen. Die schweren, seidenen Gardinen hängen in den großen luftigen Zimmern und in den mit Seide belegten Betten schlafen ganz ruhig die reichen Hausbesitzer.

Endlich kam ich zum Central Park und trat in den großen, fruchtbaren Garten ein. Die Vögel begrüßten mich mit einem Morgenlied und ich kam zu der Überzeugung, dass die Natur den Hungrigen ebenso begrüßt wie den Satten, den Reichen und den Bettler.

Ich lief immer weiter in den Garten hinein und wisst ihr warum? Weil ich einen Winkel finden wollte, auf dem die eiserne Hand der Zivilisation nicht ruht. Ich wollte eine Weile die Welt vergessen und zugleich ihre guten, frommen, gebildeten, klugen, weichherzigen Menschen. Ja, ich sag es ganz ehrlich, ich wollte sogar meine Brüder vergessen, die armen, elenden, gequälten aber hartnäckigen Sklaven.

Doch der Teufel stand mir im Weg. Ich traf auf Menschen, doch wisst ihr was für Menschen? Vollgefressene, rohe, grobe, reiche Menschen. In teuren Droschken fuhren sie herum. Nein, die Pferde, die guten, stillen, zufriedenen Pferde zogen die Droschken, während diejenigen die drin saßen Havannazigarren rauchten. Und die vorbeifahrenden reichen Menschen schauten auf mich mit einem zufriedenen Lächeln, in denen ich die Worte las: „du Bauer, du einfacher Arbeiter, du Sklave, wie kommst du hier her? Hier ist unser Ort an dem wir die frische Luft einatmen, aber du nicht!“. Sie fuhren weiter und ich ging meines Weges.

Doch noch immer sehe ich nicht die freie Natur. Überall herrscht eine heilige Ordnung: grüne Bänke zum Sitzen, gepflasterte Wege für Fahrräder und Kutschen, gemauerte Tore und Treppen, Statuen, Fontänen, eingetopfte Blumen, der Rasen mit Draht eingezäunt. Ich sah eine Burg, ging hoch und als ich auf der anderen Seite wieder hinunterging fand ich endlich den von mir gesuchten Ort. Ich blickte nach allen Seiten um zu sehen ob ich alleine bin. Ich zweifelte ob ich es schaffen würde einen einsamen Winkel zu finden an dem man alles vergessen kann. Doch dann sah ich um mich herum die freie unbezwungene Natur und atmete auf.

Ach, wie schön, wie prächtig, wie bezaubernd, sah alles um mich herum aus. Grüne Berge gekrönt mit jungen Bäumen, die noch ihre duftenden Blüten trugen, mit dünnen Zweigen, durch die sich die Strahlen der Sonne flochten. Die Vögel sprangen von einem Ort zum anderen und zwitscherten, so schön, so süß und so fröhlich, dass ich jedes Angebot eines weltberühmten Theaterorchester für mich eine Symphonie zu spielen, ausschlagen würde.

Jede Ameise, jede Fliege, jedes kleine Blatt, jedes Sandkorn und jede Wurzeln bereitete mir Vergnügen. Die farbenreichen, blühenden, sanften, guten, stillen Blumen schauten mich so mild und lieblich an, noch lieblicher wie die Sterne vom Himmel. Mit ihrem berauschenden Duft beruhigten sie meine arme, durstige, schmachtende, erhitzte Seele und wuschen den Staub von ihr, der sich durch die Taten der Menschen auf sie gelegt hatte. Sie bliesen einen Teil ihres Lebens in meine Seele und das entflammte mich mit einem heiligen, edlen, hellen Feuer, das mich immer höher und höher, bis zum Himmel, erhob. Zwischen den Bergen und den Blumen und zwischen dem grünen Gras floss ein silberner, klarer Teich und der stille Wind küsste den silbern klaren Teich. Und der Teich erzitterte von dem süßen Kuss des Windes und kräuselte sich. Es war so ein Vergnügen die frische Luft einzuatmen, die der Teich um sich verbreitete.

Ich vergaß die Welt. Ja, ich vergaß alles, mich selbst, meinen Hunger, meinen Wintermantel und meine zerrissenen Schuhe. Ganz allein legte ich mich in der göttlichen Stille ins Gras. Meine Augen konnten sich an dem prächtigen Anblick, dem harmonischen Bild der Natur nicht satt sehen. Und je länger ich schaute desto begeisterter, bezauberter und entzückter wurde ich. Ich wollte alles umarmen, an meine Brust drücken und es so lange kosen, bis ich es verschlang. Dann wollte ich es solange verschlungen behalten bis aus mir eine Wolke, ein Wind, ein Hauch, ein Traum wird und ich weit, weit weg fliegen könnte durch den reinen Äther.

Wie lange ich dort so verträumt saß, weiß ich nicht. Doch plötzlich spürte ich eine Berührung.

Ich drehte mich geschwind um und ….. ein Wunder! Ich sah vor mir die Gestalt einer Frau! Nein, keine Frauengestalt. Ein Engel, ein himmlisches Wesen, sogar noch höher als ein himmlisches Wesen. Sie legte ihre zarten Lilienhände auf meine Schulter und schaute mich mir ihren hellen, goldenen Blicken lieblich an. Sie bezauberte mich. Auch ich schaute sie an, aber reden konnte ich nicht.

Ach, wie göttlich sah sie aus, in ihrem schneeweißen Kleid mit einer roten Blume auf ihrer Brust! Ich war berauscht, verlor mich – mein Hunger verschwand und ich war nur noch Seele allein. Und die Seele reinigte sich in ihrem Atem und der Atem war süßer wie der Duft aller Blumen zusammen. Ich brachte kein einziges Wort hervor, wusste nicht was ich sagen soll. Doch bald schon wandte sie sich mit einem himmlischen Lächeln an mich: „Erkennst du mich nicht, Freund?“ Ich schaute sie noch stärker an und mein Herz begann aufgeregt zu schlagen! „Ich hab dich noch nie im Leben gesehen, aber …, aber...“.

Das stammelte ich und blieb still. Doch sie drückte mich fest an ihre Brust und ihre rosigen Lippen murmelten: „Freund, ich bin es, deine Geliebte, die du doch nie in deinem Leben gesehen hast, aber doch mit dem ganzen Feuer deiner Seele liebst.“ Und, nachdem sie die Worte beendet hatte, drückte sie mich noch stärker an ihre Brust. Auch ich umarmte sie. Unsere Lippen schlossen sich fest aneinander und aus unseren Augen löste sich ein Strom an Tränen. Doch es waren Freudentränen, leichte Tränen, und je mehr Tränen ich vergoss, desto leichter und leichter wurde alles.

Sie stand vom Erdboden auf, nahm mich an einer Hand und mit der zweiten Hand hielt sie sich an den Strahlen der Sonne fest. Und auf einmal waren wir ganz nah bei der Sonne. Sie bat mich auf die Erde zu sehen. Ich tat, was sie mich hieß – und ach! Wie schauderhaft der Anblick war. Ich sah das ganze versklavte Volk. In jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem Haus sah ich meine elenden Brüder. Und ich fing an zu weinen. Doch sie bat mich damit aufzuhören und ich folgte ihr. Sie entriss meiner Brust das Herz und warf es auf eine rosig-goldene Wolke, die vor mir in der Luft schwebte.

Aus meinem Herzen flossen warmen Gefühle, gleich den Sonnenstrahlen und wärmten die erfrorenen Herzen meiner leidenden Brüder auf der Erde. Und in ihren Herzen erwachte die natürlich Lust auf Leben, auf Genuss und Vergnügen. Sie begannen über ihr Leiden und über die Verursacher des Leidens nachzudenken und gehorchten nicht mehr.

Sie erhoben sich gegen ihre Unterdrücker und bald sah ich wie Kirchen, Paläste, Gerichte und Kerker mit gewaltigem Krach in sich zusammenstürzten und unter den Trümmern wurden diejenigen begraben, die so lange und barbarisch das ganze Volk gemartert hatten. Die seit Jahrtausenden in Sklaverei versunkene Menschheit hat sich befreit. Bald verwandelte sich die Welt in einen Garten Eden mit schönen Häusern, Gärten, Wiesen, Teichen und in diesem großen weltlichen Garten Eden spazierten meine Brüder.

„Hey, raus hier!“ hörte ich plötzlich eine grobe Stimme sagen. Ich erzitterte und als ich mich umsah, um zu sehen, wer mit mir spricht, wurde mir schwarz um die Augen. Dann sah ich einen Mann im blauen Rock neben mir stehen, der mich aufforderte aufzustehen. Es ist verboten auf dem Gras zu liegen und es dabei niederzudrücken, denn es gehört dem Staat. Alles was ich gesehen hatte war nur ein Traum, ein süßer Traum. Ich verstand was der Mann meint, rieb mir die Augen und stand auf.

Brrr! Wie mir zu Mute war! Mein Schläfen klopften, wie der Hammer eines Schmiedes. Der Wintermantel wurde noch schwerer, der Hunger noch größer und die Sonne erhitzte mich noch mehr. Meine Füße schleppten mich auf den gepflasterten Weg des Gartens. Ach, wie bitter es doch ist aus einem so süßen Traum zu erwachen und die bittere Wirklichkeit dieser Welt zu erkennen!

Mit letzter Kraft schleppte ich mich nach Hause. Es war kurz vor Nacht und die Sonne ging unter. Ich blieb vor meiner Haustür stehen und betrachtete die heimkehrenden Arbeiter auf dem Trottoir. Ihre Gesichter waren schwarz und verschwitzt. Sie zu betrachten tat weh. Ein wilder Schmerz ergriff mein Herz. Ich stieg die vier Treppen hinauf, betrat den ersten Stock, öffnete die Tür und warf mich kraftlos, leblos und entmutigt auf mein Bett.

Dort lag ich recht lange Zeit und dachte nach, ohne zu wissen was ich dachte. Unterdessen wurde es Nacht. Es war eine klare, lichte, warme Nacht. Der Mond schaute mit seinen ewig kalten Miene in mein Zimmer. Ich stellte mir einen kalten Philosophen vor, wie er vor mir steht und über meine Ärgernisse, meine Aufregung und meine Ungeduld lächelt. So kalt wie der Mond sollte ich in die finstere Nacht hinausblicken, ruhig, philosophisch. Ich erinnerte mich an meinen früheren Traum und ich beneidete den Mond, so kalt und leicht. Doch... in meinen Ohren klang das folgende Lied:

Träumer, Träumer, du Naiver,
willst umsonst zum Himmel fliehen,
und dein Herz soll wie die Sonne
auf dem ganzen Erdball glühen.
Träumer, Träumer, du Naiver,
hast ein heißes, heißes Herz,
doch die Herzen deiner Brüder,
sind vor Kälte sehr, sehr kalt.
Ganz umsonst soll die ganze Menschheit
deinen tiefen Schmerz erfahren,
den du durch ihr Leiden trägst,
und wogegen du dich wehrst.
Ganz umsonst soll der ganze Erdball
deine Stimme hören,
und die Menschheit soll erwachen
und die Herrschermacht zerstören.
Viele, viele müssen kämpfen,
viele Kämpfer müssen fallen,
bis die Freiheit wird verbreiten,
ihre Strahlen auf die Menschheit.
Doch verzweifeln darfst du niemals,
darfst vor Schmerzen nicht verstummen;
stolz und mutig sollst du kämpfen,
und der Freiheitstag wird kommen.

Ich sprang aus meinem Bett auf und meine Lippen murmelten: „Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht kalt bleiben“.[8]


Mikhal Kohn über Josef Bovshover

Die Seelen der wahren Poeten entsprechen besonders dem anarchistischen Ideal, schon allein deshalb, weil sie sich weniger als andere an die Vorstellungen eines äußeren Gesetzes und an befehlende Autorität anzupassen vermögen. Sie blicken hinweg über die künstlichen Grenzen, über welche der gewöhnliche „Spießbürger“ schreibend nie hinwegkommt. Der Geist eines Poeten lässt sich weder an die vergangenen Traditionen noch an die gegenwärtige Verlogenheit fesseln. Seine Augen sind die eines Propheten, eines Sehers, der mit seinem Adlerblick tief in die Zukunft schaut und die Unvermeidlichkeit einer idealen Gesellschaft vorhersagt, in der es weder Sklaven noch Herren geben wird. Durch die schwarzen Wolken der Gegenwart sehen sie den Regenbogen, der eines Morgens erstrahlt.[9]

Bibliographie

Bibliographie der Einzelausgaben

  • Bilder un gedanken. London: "Arbayter fraynd" drukeray, 1900
  • Poetishe Verke. London: Aroysgegeben fun der gruppe „Frayhayt“, 1903
  • Lieder un gedikhte. London: L. Fridman, 1907
  • Bilder un gedanken. London: L. Fridman, 1907
  • Gezamelte shriften. Poezy un proza, New York: Fraye arbayter shtime,1911
  • Geklibene lider. mit einem Vorwort von Sh. Agurski, Petrograd: Tsentraler yidisher komisaryat, 1918
  • To the toilers and other verses. mit einer Danksagung von Benj. R. Tucker, New York: Oriole Press, 1928
  • Lider. hrsg. von: I. Fefer und E. Fininberg, Kiev: Kultur-lige, 1930
  • Geklibene lider. Yoysef Bovshover, Moskau/Minsk: Tsentraler felker-farlag fun F.S.S.R, Vaysrusishe optaylung,1931
  • Lider un dertseylungen. Kiev: Melukhe-farlag far di natsyonale minderhaytn in USSR, 1939

Übersetzungen von Bovshover

  • Shakespeare, William: Shaylok, oder, Der koyfman fun venedik. übers. von Josef Bovshover, New York: Hibru pablishing kompani, 1899
  • Green Ingersol, Robert: Farbrekhens gegen farbrekher. übers. von Josef Bovshover, New York: Fraye publishing asosieyshon, 1903
  • Möglicherweise hat Bovshover auch Faust von Goethe ins Jiddische übersetzt.

Anthologien

  • Bassin, Morris (Hrsg.): Antologye. Finfhundert johr yidishe poezie, Bd. 2, 2. Aufl., New York: Dos bukh, 1917
  • N.B. Minkov (Hrsg.): Pionern fun yidisher poezie in amerike. Dos sotsiale lid, Bd. 1, New York: Grenich Printing Coorporation, 1956

Biograpien

  • Marmor, Kalmon: Yosef Bovshover. New York: The Kalmann Marmor Jubilee Commitee, 1952

Quellen

  • Bovshover, Josef: Gezamelte shriftn. Poezy und proza, New York: Fraye Arbayter Shtime, 1911
  • Kohn, Mikhal: J. Bovshover. Zayn leben un zayn verk, in: Josef Bovshover: Gezamlte shriftn. Poezy und proza, New York: Fraye Arbeter Shtime, 1911, S. III – XXVII
  • Malts, Samuel: Der troymerisher kemper-poet, in: Fraye arbeter shtime. Vol.3008 (Dezember 1973), New York: Free Voice of Labour Association, 1973.
  • Marmor, Kalmon: Yosef Bovshover. New York: The Kalmann Marmor Jubilee Commitee, 1952
  • Michels, Tony: A Fire in their Hearts. Yiddish Socialists in New York, Harvard: UP, 2005

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Weblinks


Anmerkungen

  1. Marmor, S.10
  2. Kalmon, S. 49
  3. Marmor, S. 10
  4. Bovshover, S. 69
  5. Edelshat, S. 142
  6. Bovshover, S. 56
  7. Malts, S. 4
  8. Bovshover, S. 191-202
  9. Kohn, S. XV

Autor: Marcel Gruber



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