Juraföderation

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Lexikon der Anarchie: Organisationen/Bewegungen

Nach der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) (1864) entsteht ein Netz ihrer Sektionen in Westeuropa. Obschon ihr Erfolg in der Schweiz relativ gering ist, gründen Arbeiter zuerst in Genf (1864), dann im Jura (1865) anarchistische Gruppen, die sich – als Sektionen der IAA – bald einmal Juraföderationen nennen sollten.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Neben der ökonomischen Situation spielt bei der Entstehung der Juraföderation auch die politische und soziale Lage der Arbeiter jener Zeit eine Rolle: In den Neuenburger Bergtälern, im St. Immertal etwa, ist fast die gesamte Bevölkerung, meist als Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen, in der Uhrenbranche beschäftigt. So weist die Stadt La Chaux-de-Fonds 1860 auf eine Einwohnerzahl von 18.000 rund 5.500 Uhrenarbeiter auf. Insbesondere die Tätigkeit des Publizisten und „Arztes der Armen“, Pierre Coullery (vgl. Wiss-Belleville, 1987), der die beiden Zeitungen „La Montagne“ und „La Voix de l’Avenir“ herausgibt, ist rückblickend als eine politisch die Uhrenarbeiter sensibilisierende und erziehende zu interpretieren. Sie führt gleichzeitig auch zu den Anfängen der Juraföderation. Daß sich Coullery 1868 mit den Konservativen verbündet, belegt die Widersprüche im Bewusstsein der damaligen politisch Denkenden zwischen der Emanzipation der Arbeiter und dem Pakt mit den Bürgern. Die ersten Sektionen der IAA im Jura sehen sich nicht als Kommunisten: Die 104, 1866 in St. Imier versammelten Arbeiter wollen weder „gegen die Reichen noch gegen die Patrons“ kämpfen, sondern zielen darauf ab, die Lage der Arbeiter mit legalen Mitteln zu verbessern, wie sie sagen. Dass Erziehungsarbeit bereits früh eine große Rolle spielt, belegen die Statuten der Sektion Sonvilier, die jedem Menschen- und Bürgerrechte „konform den staatlichen Gesetzen“ zubilligen und als eine der ersten Sektions-Aufgaben die Gründung einer Abendschule vorsehen, um damit die „Massen zu bilden“. Coullerys Programm für La-Chaux-de-Fonds ist „demokratisch und humanitär“. In Le Locle gründen der alte Constant Meuron und der junge James Guillaume eine dem Freisinn, der „radikalen Partei“ nahestehende Sektion. Drei Jahre später allerdings werden Michael Bakunins Vorträge in Le Locle enthusiastisch begrüßt. „Le Progrès“, die dort von J. Guillaume redigierte Zeitung, veröffentlicht die Artikel des Russen (publiziert auch in der Genfer „Egalité“, 1869). Offenbar nimmt M. Bakunin im Prozeß der Radikalisierung der IAA-Gruppen die Rolle eines Katalysators ein (Enckell, 1971). An den Kongressen der IAA in Genf (1866), Lausanne (1867) und Brüssel (1868) teilnehmend, entfernt sich die Juraföderation, allmählich von P. Coullery, von M. Bakunin unterstützt, der P. Coullerys Position als bürgernahen Sozialismus brandmarkt. 1868 hatte M. Bakunin in Genf die „Alliance Internationale de la Démocratie Socialiste“ gegründet, deren Mitgliedschaft sich J. Guillaume, die für die Entwicklung der Juraföderation wichtigste Persönlichkeit, verschließen sollte. J. Guillaume (1844-1916), Sohn eines Staatsrates, wird 1869 wegen seiner Arbeit in der IAA und seinen unorthodoxen religiösen Ansichten aus dem Le Locler Schuldienst entlassen. Bis 1878 sollte er sich in Neuenburg (Neuchâtel) niederlassen, in der Familiendruckerei arbeitend. Während neun Jahren redigiert er die auflageschwachen aber aussagekräftigen Wochenzeitungen der jurassischen Internationale, neben der genannten „La Solidarité“ (1870)und – nach 1872 umgetauft –das „Bulletin de la Fédération jurassienne“ (bis 1878, Aufl.: ca. 600). Zeitlebens wird J. Guillaume die auf ihn gemünzte Bezeichnung „Anarchist“ mit den Worten zurückweisen, er sei ein „Kollektivist“, zu aller erst aber ein Sozialist und Mitglied der Juraföderation. J. Guillaume ist Wortführer der jurassischen Arbeiter und ihr Abgesandter an der Mehrzahl der IAA-Kongresse. Erstmals sollte J. Guillaume M. Bakunin am Baseler Kongress unterstützen – zusammen u.a. mit Adhémar Schwitzguébel (1844-1895). Anlässlich dieser Zusammenkunft (80 Delegierte aus ganz Europa) treten die grundsätzlichen Differenzen zwischen den Anhängern eines zentralistischen Staatswesens und jenen der freien Produktionskollektive offen zutage. Die Trennung von „Kommunisten“ und „Anarchisten“, zu deren Gruppe die Angehörigen der Juraföderation gehören, sollte 1872 vollzogen werden.

Organisation, Programm und Politik

Schon 1869 gibt es insgesamt 47 westschweizer IAA-Sektionen, 26 im Kanton Genf, 11 im Kanton Waadt und 10 im Jura (Kantone Bern und Neuenburg). Im selben Jahr brechen in den zur Juraföderation gehörenden Gruppen Differenzen was die revolutionäre Methode betrifft, aus. 1870, M. Bakunin übersetzt in Locarno Marx’ „Kapital“, trennen sich in La-Chaux-de-Fonds die rund 600 „Bakunianer“ (zusammengefaßt in der „Alliance Internationale del la Démocratie Socialiste“) und deren etwa 1.400 Gegner, v.a. die Mitglieder der Genfer Sektionen. (Die entsprechenden Resolutionen: In „La Solidarité“ vom 11. April 1870, vgl. auch Enckell, 1971.) Während eineinhalb Jahren gibt es in der Westschweiz nun zwei Gruppen, deren Leitungen versuchen, möglichst zahlreiche Sektionen auf ihre Seite zu ziehen. 1871, nach dem Untergang der Pariser Commune, betreuen die Mitglieder der Juraföderation geflüchtete Kommunarden. Einige (P. Brousse, Elisée Reclus) der Flüchtlinge werden nicht nach Frankreich zurückkehren und zukünftig die Geschicke der Juraföderation mitbestimmen. Am 12. November 1871 konstituierte sich in Sonvilier die „jurassische Internationale“, ausgerufen von A. Schwitzguébel. Dieser Akt bezeichnet gleichzeitig die endgültige Loslösung der Libertären von der IAA. Anlässlich ihres Kongresses in St. Imier erklärte die Juraföderation ihr Programm: Erste Aufgabe des Proletariats ist es, jede politische Macht zu zerstören. Um dies zu erreichen, ist die Solidarität der Arbeiter in allen Ländern unabdingbar. Beide Ziele sind v.a. mit propagandistischen Mitteln und im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen anzustreben. 1875/1876 werden im Jura einige neue Sektionen der Anti-Autoritären gegründet, doch die Auflage des „Bulletin" stagniert. 1877 besucht Peter Kropotkin (1842-1921) zum ersten Mal den Jura. Bereits als Schwanengesang der Juraföderation ist das von A. Schwitzguébel 1880 vorgelegte „Programme socialiste“ anzusehen, worin der Autor systematisch darlegt, wie eine Gesellschaft ohne Gesetze und Autorität herbeizuführen sei. Für A. Schwitzguébel führt dieser Weg über die Konstitution einer politischen Oppositionspartei, da Stimmabstinenz zwar theoretisch sinnvoll, praktisch aber unnütz sei. Am von P. Kropotkin in London 1880 einberufenen Kongress der Libertären nimmt lediglich ein jurassischer Abgesandter teil. Von da an wird es nur noch vereinzelte Gruppen libertärer geben, nicht aber eine „Föderation“. Viele Gründe haben zur nominellen Auflösung der Juraföderation geführt – nicht lediglich für die Lage der damaligen Schweiz spezifische. Um den allmählichen Niedergang der Juraföderation adäquat beschreiben zu können, muss die soziopolitische Situation im Europa der 1870er und 80er Jahre in die Überlegungen einbezogen werden.

Literatur und Quellen:

  • Archiv der Juraföderation, Fonds Nettlau, Int. Institut f. Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam;
  • Nachlaß J. Guillaume, Int. Institut f. Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam;
  • Staatsarchiv des Kantons Neuenburg, 5 Schachteln.

Zeitungen

  • Le Bulletin de la Fédération jurassienne, zuerst Sonviliers, dann Le Locle, La Chaux-de-Fonds, Sonvilier 1872-1878
  • L’Egalité, Genf 1868-1872
  • Le Progrès, Le Locle 1868-1870.

Literatur

  • R. Bigler: Der libertäre Sozialismus in der West-Schweiz, Köln, Berlin 1963
  • F. Brupbacher: Marx und Bakunin, Monaco 1922
  • M. Enckell: La Fédération jurassienne, Lausanne 1971
  • R. Grimm: Geschichte der sozialistischen Ideen in der Schweiz, Zürich 1931
  • J. Guillaume: L’Internationale (1864-1887), 4 Bde., Paris 1905 - 1910, Reprint: Genf 1980
  • J. Guillaume: Autobiographie, in: La Révolution proletarienne, Nr. 116, Paris 5.4. 1931
  • A. Schwitzguébel: Quelques écits, Paris 1908
  • C. Thomann: Le mouvement anarchiste dans les Montagnes neuchâteloises et le Jura bemois, La Chaux-de-Fonds 1947
  • C. Thomann: PierreCoullery, le médcin despauvres ,La Chaux-de-Fonds 1956
  • E. Wiss-Belleville: Pierre Coullery und die Anfänge der Arbeiterbewegung in Bern und in der Westschweiz. Ein Beitrag zur Geschichte schweizerischen Frühsozialismus, Basel 1987

Autor: Hans Ulrich Grunder

Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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